Experten fordern mehr vorzeitige Haftentlassungen

13. Februar 2005, 23:16
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Studie: Bedingte Entlassungen haben keine erzieherische Wirkung auf Gefangene

Linz – Künftig sollten mehr Sexual- und Raubstraftäter vorzeitig aus der Haft entlassen werden. Die Grundlage für diese Empfehlung bildet eine Montagabend präsentierte Studie der Linzer Johannes Kepler Universität über den "Erfolg bedingter Entlassungen aus einer Freiheitsstrafe bei Sexual- und Raubdelikten".

Weniger Rückfälle

598 Fälle aus den Jahren 1993 bis 2001 wurden von den Autoren der Studie – Soziologe Helmut Hirtenlehner und Strafrechtler Alois Birklbauer – untersucht. "Auf den ersten Blick werden vorzeitig Entlassene deutlich weniger rückfällig als jene, die die volle Strafe absitzen.

34 Prozent der Sexual- und 50 Prozent der Raubstraftäter, die die gesamte Freiheitsstrafe abbüßten, wurden erneut rückfällig. Demgegenüber wanderten nur ein Viertel der Bedingten beider Tätergruppen erneut hinter Gitter", so Birklbauer. Rückfall bedeutet in diesen Fällen nicht, dass erneut dasselbe Delikt begangen wurde. Auch Sexualtäter, die später beispielsweise eine Bank überfallen, gelten als Rückfalltäter.

Eine Gesamtbetrachtung der Studie zeigt aber deutlich, dass die bedingte Entlassung (§ 46 im Strafgesetzbuch) keinerlei erzieherische Effekte hat. Jene Gerichte, die nur sehr wenig von der vorzeitigen Entlassung Gebrauch machten, können – laut Studie – keine besseren Rückfallergebnisse vorweisen als jene, die großzügiger vorzeitig entlassen haben.

Überraschendes Ergebnis

"Wir haben mit einem komplett anderen Ergebnis gerechnet, aber offensichtlich hat die Studie dem Paragrafen 46 quasi den Teppich unter den Füßen weggezogen", so Hirtenlehner. Trotzdem plädieren die Studienautoren für einen "verstärkten Einsatz" der bedingten Entlassung: "Wenn das Ganze letztlich ein Nullsummenspiel ist, dann sollte man in einem Rechtsstaat Strafgefangene nicht unnötig lange einsperren, sondern mit entsprechender Begleitung entlassen."

Falsche Prognose

Die Gesellschaft vertrage mit Sicherheit auch mehr bedingt Entlassene. Eklatant hoch ist – so die Studie – der Anteil jener Gefangenen, die fälschlich als gefährdet eingestuft wurden und somit vergeblich auf ihre bedingte Entlassung hofften. "66 Prozent der Sexual- und 50 Prozent der Raubstraftäter sind entgegen ihrer negativen Zukunftsprognosen nach Beendigung der vollen Haftstrafe nicht mehr rückfällig geworden. Geht man von einer fehlenden Wirkung der bedingten Haftstrafe aus, so wären sie auch bei vorzeitiger Entlassung nicht mehr straffällig geworden", ist Birklbauer überzeugt.

Hier habe die Studie aufgezeigt, wo noch "Potenzial ungenützt ist". Dieser hohe Anteil der Negativ-Prognosen müsse "deutlich gesenkt" werden. Unumgänglich dafür sei – so die beiden Autoren – eine engere Zusammenarbeit zwischen den Gerichten und den Justizvollzugsanstalten. (Markus Rohrhofer, DER STANDARD Printausgabe, 26.01.2005)

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    Haftanstalten, die mit vorzeitigen Entlassungen weniger großzügig umgehen, können keine niedrigeren Rückfallquoten vorweisen

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