Von der "Zwangstagsschule" zur Ganztagsbetreuung

14. Februar 2005, 10:58
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Die Kehrtwendung der ÖVP dürfte rein rhetorisch sein - Die hohen Hürden zur Einführung der "echten" Ganztagsschule bleiben bestehen

Wien - In den vergangenen Wochen scheint viel Bewegung in die Bildungspolitik gekommen zu sein. Vor allem der ÖVP wird eine Richtungsänderung etwa in Fragen ganztägiger Schulformen attestiert. Doch es dürfte nur eine rhetorische Kehrtwendung der "Schwarzen" sein. Denn für einen Ausbau ganztägiger Betreuung (mit Unterricht am Vormittag und betreuter Freizeit am Nachmittag) ist die ÖVP schon seit Jahrzehnten. Und es gibt keine Anzeichen dafür, dass sie von ihrer strikten Ablehnung der "echten" Ganztagsschule mit abwechselnder Lehr,- Lern- und Freizeit abweicht. Denn an den hohen Hürden für die Einführung einer Ganztagsschule - alle Schüler einer Klasse müssen angemeldet und je zwei Drittel der Lehrer und Eltern dafür sein - soll es offensichtlich keine Änderung geben.

Dokumentation der ÖVP-Standpunkte zum Thema Ganztagsschule

1986: ÖVP-Bildungssprecher Gerhard Schäffer kritisiert die Ankündigung von Unterrichtsminister Herbert Moritz (S) für ein neues Modell einer ganztägigen Schulform und lehnt die "Zwangstagsschule", die kein Eingehen auf individuelle Freizeitbedürfnisse gestatte, ab.

1987: Schäffer wendet sich gegen das von Unterrichtsministerin Hilde Hawlicek (S) ventilierte Modell einer Schulreform, die eine "Mischform" aus "Tagesheimschule" (das von der ÖVP favorisierte, auf Freiwilligkeit basierende Modell mit am Vormittag Unterricht und am Nachmittag betreute Freizeit, Anm.) und "Ganztagsschule" vorsieht.

1988: Schäffer fordert im Zusammenhang mit der schulischen Nachmittagsbetreuung vom Koalitionspartner SPÖ die Einhaltung des Arbeitsübereinkommens ein, in dem ein "neues flexibles Modell einer ganztägigen Schulform, in dem Schüler an den Nachmittagen auch ohne konkrete Anwesenheitspflicht Aufnahme finden", vereinbart wurde. Nachmittagsbetreuung sollte nach Ansicht Schäffers "nicht familienersetzend" sein, deshalb müsse die Teilnahme daran freiwillig und, wenn gewünscht, auch nur tagesweise möglich sein.

1990: Schäffer lehnt kategorisch jenen Teil des Entwurfs der 12. SchOG-Novelle ab, der eine Verdoppelung der Schulversuche für ganztägige Schulformen vorsieht. Die ÖVP werde sich nicht zu einer Einführung der Ganztagsschule durch die Hintertür der Aufstockung der Schulversuche auf zehn Prozent der Schulen hergeben.

1992: ÖVP-Generalsekretärin Ingrid Korosec kritisiert den Mangel an Betreuungseinrichtungen für Kinder am Nachmittag, lehnt aber Ganztagsschule weiterhin entschieden ab. Das Prinzip der Freiwilligkeit müsse gewahrt bleiben, Ganztagsschule bedeute aber "Zwangsbeglückung".

1993: Korosec und Schäffer fordern Unterrichtsminister Rudolf Scholten (S) auf, spätestens mit dem Schuljahr 1994/95 die Nachmittagsbetreuung in das Regelschulwesen zu übernehmen und bezeichnen die von der ÖVP favorisierte Tagesheimschule als attraktivere Variante als die Ganztagsschule.

1994: ÖVP-Bildungssprecher Josef Höchtl spricht sich gegen die Fünf-Tage-Woche aus, weil man damit die Eltern zur Ganztagsschule zwinge.

2003: Innenminister Ernst Strasser (V) bezeichnet im "Standard" die Ganztagsschule als "einen der großen Misserfolge sozialdemokratischer Politik in Deutschland, die zu Verelendung, Anonymisierung und vandalisierenden Jugendlichen in den Großstädten geführt hat. Dieses Konzept ist gescheitert."

2003: Der steirische ÖVP-Landesgeschäftsführer Andreas Schnider spricht sich für die Einführung eines Ganztagsschulsystems aus und weicht damit von der traditionell vertretenen Linie der Volkspartei ab.

2003: Nach Ansicht von ÖVP-Bildungssprecher Werner Amon "tut die ÖVP gut daran, sicherzustellen, dass ein ausreichendes Angebot (an Nachmittagsbetreuung, Anm.) zur Verfügung gestellt wird".

2003: Amon hält die SPÖ-Forderung, die Hälfte aller Schulen als Ganztagsschulen zu führen, für eine "Zwangsbeglückung". Eltern, Lehrer und Schüler müssten selbst entscheiden können, welche Form für ihre Schule die beste sei.

2003: Die Einrichtung von Ganztagsschulen ist für Bildungsministerin Elisabeth Gehrer (V) "keine ideologische Frage". Wenn sich an einer Schule nur weniger Eltern bzw. Schüler für ein Ganztagesangebot mit wechselnden Phasen von Unterricht und Freizeit interessierten, könne auch nur eine Klasse in Ganztagsform geführt werden.

2004: Bundeskanzler Wolfgang Schüssel (V) verweist im Zusammenhang mit der PISA-Studie auf das bereits bestehende Angebot von ganztägiger Betreuung für mehr als 50.000 Schüler. Dieser Kreis ließe sich bei Bedarf jederzeit erweitern. Es sollte jedoch niemand zwangsweise beglückt werden, sondern man müsse das als Angebot sehen.

2005: Die ganztägige Betreuung sowie die Fünf-Tages-Woche an den Schulen soll laut Bildungsministerin Elisabeth Gehrer (V) zum Regelfall werden. Wo eine solche nicht gewünscht werde, müsse an der entsprechenden Schule ein entsprechender Beschluss fallen. (APA)

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