Anrainer Cerny: Angst vor Vereinnahmung

3. Februar 2005, 15:10
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Der Vertreter der ÖBB- Siedlung kritisiert im derStandard.at- Interview mangelnde Informationen im Vorfeld

Michael Cerny ist Obmann-Stellvertreter in der ÖBB-Kleingarten-Anlage, die größte rund um das Floridsdorfer Asylwerberheim. Er vertrete aber nicht alle Anrainer, wie er vor dem Interview mit derStandard.at betonte. Das Gespräch führten Sonja Fercher und Rainer Schüller.

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derStandard.at: Was sind die Befürchtungen der Anrainer?

Cerny: Sagen wir so: Wir hatten im Vorfeld keine Informationen, um damit auf unsere eigenen Leute richtig zugehen zu können. Bei uns gibt es den Brauch 'das Mühlweger Adventfenster', da wurden wir am 2. Dezember von einem Mitglied angesprochen, er habe da was gehört.

Bis Mitte Dezember hat es dann ein Gerücht gegeben, dass die ÖBB diese ehemalige ÖBB-Personalunterkunft hier verkauft bzw. vermietet. Dann war es wieder ruhig. Wir als Verantwortliche dieser ÖBB-Kleingarten-Anlage wurden auch von keiner Seite kontaktiert - vielleicht auch, weil wir nicht dem Zentralverband der Kleingärtner angehören. Und das ist natürlich nicht optimal, wenn man den Leuten zuerst erklärt, es ist nichts und dann kommt doch was.

Vom Bezirksvorsteher haben wir dann am 4. Jänner erfahren, dass Tschetschenen kommen sollen - das war die erste offizielle Information. Erst zu diesem Zeitpunkt konnten wir dann auch die Mitglieder informieren. Das war von der Performance für uns nicht optimal.

derStandard.at: Das heißt, sie sind überrascht worden?

Cerny: Ja.

derStandard.at: derStandard.at: Waren Sie auch bei dieser turbulenten Bürgerversammlung?

Cerny: Ja

derStandard.at: derStandard.at: Wie haben Sie die Vorfälle dort empfunden?

Cerny: Schlimm - ganz schlimm, muss ich ehrlich gestehen. Ich hab dazu den Begriff "Krawalltourismus" verwendet, obwohl Leute behauptet haben, dass das nicht stimmt, sondern dass da nur Leute da waren, die in der Anrainer-Anlage wohnen. Ich behaupte nach wie vor, dass da Leute hingekarrt worden sind. Von wem auch immer.

Viele wollten sicher Informationen, es gab aber nicht wirklich die Möglichkeit, sich zu informieren. Bei der Rede des Herrn Hacker, gab es von hinten die Rufe "Steh auf", was auch Gebot der Höflichkeit gewesen wäre. Das hat sich dann immer mehr hochgeschaukelt. Da sind dann auch Leute dabei gewesen, die – sag ich jetzt mal – mit unseren Anliegen eigentlich überhaupt nichts am Hut hatten.

derStandard.at: Waren sie von der Siedlung alleine dort?

Cerny: Nein, von uns waren ungefähr hundert Leute dort. Wir haben diesen Termin auch bewusst plakatiert und haben gesagt "Kommt’s hin und informiert’s euch". Aber dann gab es eben diese Stimmung, die nicht wirklich erfreulich war. Ich meine, ich bin vielleicht da zu sehr Demokrat, wenn ich sage, es muss jeder reden können, auch wenn mir die Meinung nicht passt. Die Aussage vom Samariter-Präsidenten war da auch nicht wirklich dienlich ("Halten Sie die Goschn", Anm.), wobei das war dann schon eines von vielen. Das hat sich dann eben hochgeschaukelt.

In der medialen Darstellung ist das dann auch schlecht rüber gekommen, was uns sehr gestört hat. Man hat nur die besonders "netten" Leute, die sich da gebärdet haben, gezeigt, aber nicht die Leute, die versucht haben, Fragen zu stellen.

derStandard.at: Was waren Ihre Fragen und Anliegen?

Cerny: Neben der Tatsache, dass ich nicht verstehe, warum Wien die Vereinbarung (gemeint ist die 15a-Vereinbarung zwischen Bund und Ländern zur Unterbringung von Flüchtlingen, Anm.) einhält und die anderen Bundesländer nicht, ging es mir vor allem um die Dauer der Nutzung als Asylantenheim, um Beleuchtung und Sicherheit.

Die paar Lichtmasten, die da draußen jetzt stehen, sind neu. Sie sind vorige Woche gekommen. Stellen sich einmal vor, sie gehen jetzt die gesamte Strecke vorbei – egal ob in dem Haus jetzt jemand wohnt oder nicht - und hier ist Null Beleuchtung. Haben Sie da Angst oder nicht? Wer da mit ruhigem Gewissen "Nein" sagt, ist entweder in Judo ausgebildet, oder sagt nicht die Wahrheit.

Das wäre im Vorfeld zu lösen gewesen, nicht erst dann auf Druck. Licht gibt Sicherheit. Durch die Finsternis kommen Ängste. Ängste sind nicht erklärbar, sie sind irrational. Meine Schwiegermutter traut sich zum Beispiel nicht mehr auf die Straße hinaus, wenn es ein bisschen dunkel wird. Sie würde hier wahrscheinlich sterben, wenn sie in der Nacht am Heim vorbeigehen würde.

Vielleicht hat man am Anfang von Seiten der Gemeinde Wien diese Entwicklung nicht wirklich ernst genommen. Nach einem Monat sollte auch die Gemeinde Wien gescheiter sein.

derStandard.at: Das heißt, Ihre Sicht hat sich verändert?

Cerny: Wir waren sicher nicht die, die dort mitgeschrien haben. Und viele von uns haben gesagt, das haben wir nicht verdient, wie wir dargestellt wurden. Die meisten Leute hier denken sicher nicht so. Wir sind hier genauso wie der Durchschnitt der Bevölkerung, vom einfachen Arbeiter bis hin zu Akademikern sind hier alle vertreten.

Bei vielen ist es einfach Angst vor Kriminalität und Übergriffe, die im Vorfeld nicht ausgeräumt wurde. Wir selbst konnten sie nicht ausräumen, weil wir nicht wussten, was passiert. Ich konnte also gar nicht sagen, "Ihr braucht keine Angst zu haben", weil ich nicht wusste, was passiert.

Wir haben dann aber versucht, wieder aus diesem Eck heraus zu kommen, in das wir gedrängt wurden. Wir wollen uns von keiner politischen Gruppierung vereinnahmen lassen. Wir vertreten nur unsere Interessen.

derStandard.at: Und wie ist die Stimmung unter den Anrainern jetzt?

Cerny: Es ist bisher das eingehalten worden, was versprochen wurde, wie eben, dass es ein Familien-Heim ist. Das ist es eindeutig, wir haben gegen diese Zwutschkerl, die da reingekommen sind, überhaupt nichts und haben auch natürlich keine Angst vor ihnen.

Solange wirklich das passiert, was uns versprochen wurde, und es zu keinen befürchteten Vorfällen kommt, sehe ich kein Problem. Gefährlich wäre es, wenn auf schleichendem Wege nach Abschluss von Asylverfahren ein Männerheim draus werden sollte.

Wir haben auch unsere Leute hier eher im Griff als Leute, die vielleicht zureisen. Da liegt die einzige wirkliche Angst: Dass da jemand auftaucht bzw. anreist und da Krawall schlägt. Vor einem solchen Szenario haben wir uns gefürchtet. Außerdem hoffe ich, dass es kein Problem mit zugereister Kriminalität geben wird, denn dann würde es sofort heißen, dass das jemand jemand vom Heim war.

Wir versuchen jetzt mit der Heimleitung in direktem Gespräch zu bleiben, so dass wir bei möglichen Problemen kurzfristig, ohne aufzuschaukeln, drüber reden bzw. reagieren zu können.

  • Michael Cerny: "Bei vielen ist es einfach Angst, die im Vorfeld nicht ausgeräumt wurde."
    foto: derstandard.at/rasch

    Michael Cerny: "Bei vielen ist es einfach Angst, die im Vorfeld nicht ausgeräumt wurde."

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