"Ich wollte nicht acht Monate im Gatsch herumkriechen"

4. Juli 2005, 10:58
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Die Entscheidung, ob Zivil- oder Präsenzdienst, erschweren massive Ungerechtigkeiten. Reformen könnten einen Hauch Fairness bringen

"Es gibt für mich keinen Grund, weshalb der Zivildienst länger als der Präsenzdienst dauern sollte", meint Harald Fartacek, der Zivildienstbeauftragte der Katholischen Jugend Österreich. Fartacek ist Mitglied der Zivildienstreformkommission, die im Juli des Vorjahres vom Bundeskanzleramt beauftragt wurde, Grundlagen für "den Zivildienst der Zukunft" zu erarbeiten. Der endgültige Bericht der Kommission sollte schon vorliegen, tut er aber nicht. Die letzte Sitzung der Reformkommission ist für Donnerstag einberaumt.

Denn in der Frage nach der Dauer des Dienstes wurde bis dato kein Konsens erzielt - eine Verkürzung des bisher 12-monatigen Dienstes auf acht und in weiterer Folge auf sechs Monate zeichnet sich aber ab. Fartacek beschreibt im Gespräch mit dem SCHÜLERSTANDARD die Stimmung in der Kommission. "Die eine Gruppe definiert den Zivildienst als Wehrersatzdienst und fordert eine Gleichstellung des Zivil-und Präsenzdienstes. Die andere hat Interesse an einer langen Zivildienstdauer, um lange Zeit ausgebildete Leute zu Verfügung zu haben."

Auch, dass der Vorsitzende der Reformkommission Fredy Mayer gleichzeitig Präsident des Roten Kreuzes ist, wird kritisiert. Denn das Rote Kreuz beschäftigt den Gutteil der österreichischen Zivildiener. "Eine objektive Führung ist dadurch nicht gewährleistet", empört sich Florian Burger, Autor des Buches "Das österreichische Zivildienstrecht" im Gespräch mit dem SCHÜLERSTANDARD. Die diskutierte Reform sei wegen Rechtsänderungen in den 90er-Jahren nötig geworden. "Die Dauer des Zivildienstes wurde immer weiter nach oben gesetzt, während die acht Monate Präsenzdienst gleich geblieben sind."

Seit 2001 ist auch die Verpflegung der Zivildiener nicht mehr konkret definiert. Sie sollen einen "angemessenen" Betrag bekommen, der sich aus dem Vergleich zum Präsenzdienst ergeben soll. "Doch was versteht man unter angemessen? Der Innenminister 6 € pro Tag. Ich finde, es sollten 11 bis 13 € sein," sagt Burger. Der Zivildienst werde durch die geringe Entlohnung unattraktiver gemacht - man könne sich nicht nach freiem Gewissen entscheiden, meint Stefan Hofbauer (19), der 2004 seinen Zivildienst beendete. "Ich wollte etwas Sinnvolles machen und nicht acht Monate im Gatsch herumkriechen."

"Ich glaube, ich würde keinen Tag einzigen Tag nochmal überleben", sagt Willi Gloss (19) über seine Grundausbildung im Bundesheer. "Ich habe mich für den Präsenzdienst entschieden, da dieser kürzer ist, und ein großes Sportangebot hat. Um herauszufinden, was ich später machen möchte, war die Zeit okay."

Gleiches Recht für alle Lena Singer (17) befindet in Zeiten der Emanzipation auch die Gleichstellung von Männern und Frauen auf diesem Gebiet für sinnvoll. Denn "zu gleichen Rechten gehören gleiche Pflichten". Lena wird sechs Monate in einem Socialworkcamp in Südamerika arbeiten. "Entwicklungshilfe interessiert mich, das ist sicher eine Herausforderung."

Eine besondere Form des Zivildienstes ist der Zivilersatzdienst. So unterstützt der Gedenkdienst Vertriebene des Naziterrors. Der stellvertretende Obmann, Markus Feuerstein, schwärmt von den Möglichkeiten die sich daraus ergeben: "Beim Gedenkdienst im Ausland bekommt man ein ganz anderes Maß an Lebens-und Sozialerfahrung."
(DER STANDARD, Flora Eder Julia Grillmayr, Printausgabe, 25.01.2005)

  • Durch die geringe Entlohnung würde der Zivildienst unattraktiv gemacht, meint Zivi Stefan Hofbauer (19)
    foto: standard/cremer

    Durch die geringe Entlohnung würde der Zivildienst unattraktiv gemacht, meint Zivi Stefan Hofbauer (19)

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