Kommentar der anderen: Flucht aus der Kirche: Der Krenn ist schuld?

11. Februar 2005, 15:48
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Warum das "Skandal"- Erklärungsmuster zu kurz greift - Von Rainer Buchner, Uni Graz

Jährlich verlassen in Deutschland ca. 0,5 und in Österreich ca. 0,6 Prozent ihrer Mitglieder die katholische Kirche. Diese Zahl liegt deutlich höher als in den Zeiten des geschlossenen katholischen Milieus und schnellt bei einschlägig skandalisierenden Ereignissen nach oben. Gegenwärtig ist das wieder einmal der Fall.

Das war zu erwarten und erregt Aufmerksamkeit. Zu Recht - aber auch zu Unrecht. Denn solche Austrittsschübe sind zwar Indikatoren öffentlicher - und wie im Fall St. Pölten auch überaus verständlicher - Erregung über die Kirche, nicht aber deren "wirkliches" Problem.

Monopolverlust

Letzteres besteht nämlich vielmehr darin, dass die Kirchen langsam, aber unaufhaltsam das Monopol auf gesellschaftliche Darstellung und Organisation von Religion verlieren. Kirche wird von einer religiösen Schicksalsgemeinschaft zu einer von vielen Anbieterinnen auf dem Markt von Religion, Sinnstiftung und Lebensbewältigung. Damit verändert sich auch das Nutzungsmuster von Kirche bei jenen, die bleiben.

Der eigentliche Stress für die Kirchen kommt nicht von den Austrittszahlen: Insgesamt gesehen ist die Kirche bei einer jährlichen Austrittsquote von durchschnittlich sechs Promille institutionell relativ stabil. Der Stress kommt aus den langfristigen und weit gehend ereignisunabhängigen Veränderungsprozessen im Binnengefüge der Kirche.

Kosten-Nutzen-Kalkül

Eine von der Deutschen Bischofskonferenz 1992 in Auftrag gegebene Untersuchung des Instituts für Demoskopie in Allensbach hat ergeben, dass die Kirchenmitgliedschaft bei den meisten Gläubigen zur Frage eines spezifischen Kosten-Nutzen-Kalküls geworden ist. Die explizit genannten Austrittsgründe sind nur der letzte Motivationsschub, die Handlungsschwelle "Austritt" zu überschreiten.

Die Zahl jener jedenfalls, die schon einmal mit Austrittsgedanken gespielt haben wächst. Sie betrug 1986 in Westdeutschland 15 %, 1992 waren es bereits 23 %. Man wird von ähnlichen Zahlen in Österreich ausgehen müssen und für die Hoffnung auf nachhaltige Trendumkehr besteht kein Anlass.

Für die Kirche sind die Austritte vor allem Kränkungserfahrungen. Auf Kränkungen reagiert man meist verletzt - also falsch. Man wird dann depressiv, oder denunziert jene, die einen kränken, oder flüchtet sich in betäubenden Aktivismus. Das ist verständlich, aber es sind Versuchungen.

Erkenntnis, Kritik...

Die Versuchung der Depression empfiehlt die Kapitulation. Die Zahlen geben dazu auch einigen Grund: Sie signalisieren unaufhaltsamen Akzeptanzverlust. Und darauf mit Depressivität zu reagieren, verspricht zumindest eines: nicht wirklich reagieren zu müssen. Auf der Basis von Depressivität lässt sich allerdings nicht lange leben, denn sie bedeutet zuletzt immer Handlungsunfähigkeit und Antriebsarmut, ganz abgesehen davon, dass Kirche nicht einfach ihren Auftrag wegen aktuellen Nichterfolgs zurückgeben darf.

Die Versuchung der Denunziation arbeitet mit der Beschimpfung derer, die aus der Kirche austreten: Sie wurden oft als "Abgesprungene", "Abtrünnige" etc. abqualifiziert. Und solange die Kirche noch über irgendwelche wirksame Sanktionen verfügte, hat sie diese mehr oder weniger guten Gewissens auch eingesetzt, leider. Aber diese Zeiten liegen ja - Gott sei Dank - hinter uns.

Die Versuchung des Aktivismus flüchtet sich in betäubende Selbstbeschäftigung. Man tut, was man immer tat, nur noch mehr davon. Es gibt zwei Varianten dieses Aktivismus: eine liberalistische und eine eher konservative. Man kann nämlich sein Heil einerseits in der Absenkung der Schwellen bis zur Ununterscheidbarkeit suchen, oder aber in enthusiastischen Identitätserfahrungen Überzeugter. Mit der treuen Verkündigung des Evangeliums hat beides aber nichts oder zumindest nicht viel zu tun.

...und Umkehr

Zudem, so sagen es die Zahlen, nützt der Aktivismus auch nichts, weil er nicht wahrnimmt, was doch offenkundig ist: Bei der steigenden Zahl von Kirchenaustritten handelt es sich nicht um ein altes Problem, das mit alten Mitteln und einigem guten Willen gelöst werden kann, sondern um ein Phänomen, das auf grundlegende gesellschaftliche Veränderungen verweist, auf die die Kirche entsprechend reagieren muss.

Theologisch betrachtet sind die Kirchenaustritte eine prophetische Herausforderung. Prophetie meint, die eigene Existenz aus der Perspektive des Wortes Gottes neu und kritisch wahrzunehmen. Das verlangt Erkenntnis, Kritik und Umkehr - und eben nicht nur für die Kirche als Institution sondern auch und nicht zuletzt im Hinblick auf die Darstellung des Evangeliums.

Fragen über Fragen

Was bedeuten die neuen Biografien der Gegenwart, was bedeutet die "Neuchoreografie der Geschlechterverhältnisse", was die Herausforderung der ökonomischen und medialen Globalisierung, was die damit verknüpften Veränderungen der sozialen Strukturen für die glaubwürdige Verkündigung des Evangeliums?

Solchen Fragen muss sich die Kirche stellen. Erst wenn sie das getan hat, kann sie jenen, die gehen wollen, in Ruhe und halbwegs versöhnt nachschauen. Denn dann hat die Kirche getan, was sie tun konnte. Das ist gegenwärtig, trotz allem guten Willen, wohl noch lange nicht der Fall. (Rainer Buchner, DER STANDARD - Printausgabe, 25.01.2005)

Rainer Buchner
lehrt Pastoraltheologie
und -psychologie
an der Universität Graz.
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