Edouard de Rothschild: Ein Baron hilft angegrauten Maoisten

16. Februar 2005, 13:37
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"Auf gewisse Weise bin ich in meinem Milieu ebenso untypisch, wie ihr es in der Medienlandschaft seid"

"Auf gewisse Weise bin ich in meinem Milieu ebenso untypisch, wie ihr es in der Medienlandschaft seid." Mit dieser Selbsteinschätzung stellte sich Edouard de Rothschild den skeptischen Redakteuren von Libération vor. Und gewann sie vergangene Wo- che für sich: Der 47-jähri- ge Pferderenn-Unternehmer übernimmt 37 Prozent und damit die Kontrolle der Pariser Linkszeitung.

Ein Baron im Maoisten-Nest, wie viele Pariser Kommentare meinen? Ganz so einfach ist das nicht. Es stimmt zwar, dass Libération das Blatt der Spätachtundsechziger ist. Aber der seit den 70er-Jahren amtierende, heute leicht angegraute Herausgeber Serge July hat die einst stürmische "Libé", die in den Achtzigerjahren wegen Richtungsstreitigkeiten zwischen Maoisten und Nicht-Maoisten monatelang nicht erschienen war, in ruhigeres Fahrwasser geführt.

Auch Edouard de Rothschild entspricht nicht ganz dem Etikett, das ihm einige anhängen: jenem des Familien-Großkapitalisten. Das Wochenblatt Canard enchaîné titelte nach dem Libération-Verkauf mit leichter Ironie: "Ein Nicht-Baron bei den Maoisten." Edouard de Rothschild ist zwar der Sohn von Baron Guy de Rothschild.

1957 im Pariser Nobelvorort Neuilly geboren, trägt er zudem den gleichen Vornamen wie sein Großvater und erwarb nach seinem Jusstudium auch einen Finanz-MBA in New York; darauf stieg er in der Bank Rothschild neben seinem Halbbruder David zum Direktor auf. Eine typische Familienlaufbahn durchlief Edouard dennoch nicht.

Dies zeigt schon sein jüngster Entscheid, ein Jahr Auszeit vom Bankjob zu nehmen. Seine Leidenschaft gehört dem Pferdesport. Der Besitzer von 15 Zuchtstuten und Mitglied des exklusiven Sportklubs "Polo de Paris" amtiert vor allem als Vorsteher von "France Galop", der Organisatorin von Pferderennen. Dabei "machte er sich einen Vornamen", wie man in Frankreich sagt: Der 47-jährige Familienvater, von den einen als Dandy, von anderen als "Familienlinker" geschildert, erwarb sein Geld im hart umkämpften Geschäft der Pferderennen.

Edouard ist gewiss nicht das Enfant terrible seiner Familie - er bleibt auch nach dem Einstieg bei Libération Präsident des Aufsichtsrates der Bank Rothschild -, aber seinen Hang zur Eigenständigkeit bestätigt er immer wieder: Während sein Vater Guy seine eigenen Jockeys mit gelber Mütze und blauem Hemd reiten ließ, wählte Edouard die umgekehrte Farbkonstellation. Auch die Idee, der aufmüpfigen "Libé" mit 20 Millionen Euro unter die Arme zu greifen, beruht nicht auf orthodoxer Bankvernunft. Hoch verschuldet, ist die Zeitung nicht das geeignete Objekt, schnellen Gewinn zu erzielen. Um sich einen eigenen Namen zu machen, schon. (Stefan Brändle/DER STANDARD; Printausgabe, 25.1.2005)

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