Der Beste darf ins Kasino

19. Mai 2005, 11:19
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Leistungsentgelte sind in der Elektronikindustrie im Kommen

Wien - Veronika Bräuers Arbeitsplatz wirkt wie ein Relikt. Überall sonst in den Philips Sound Solutions Werken in Wien, wo jedes Jahr hunderte Millionen Handylautsprecher produziert werden, beherrschen dröhnende Maschinen den Produktionsablauf, in Bräuers kleiner Kammer ist es still. Denn hier führt sie die akustische Kontrolle der Lautsprecher durch: rund 7000 Stück kontrolliert sie, jeden Tag, seit 26 Jahren.

Die Philips-Mitarbeiter - allein 400 im Lautsprecherbereich - erhalten detaillierteste Information über ihre Produktivität. Am Anfang jeder Produktionslinie sind Grafiken und Diagramme über die Arbeitsleistungen der jeweiligen Schicht ausgehängt. Neben produzierten Stückzahlen werden auch Warenqualität und die Tagesbilanz dokumentiert.

Konkurrenz

"Jede Linie wird wie ein kleines Unternehmen geführt", sagt Produktionsleiter Guntram Haas. In puncto Lohn heißt das, dass die Beschäftigten miteinander in Konkurrenz stehen. Die Arbeiter der erfolgreichsten Linie erhalten monatliche Prämien, die laut Haas bis zu sieben Prozent des Lohnes ausmachen können. Wer übers Jahr die beste Ware herstellt, darf auf Firmenkosten ins Kasino.

Während Haas die positiven Effekte des Modells hervorhebt, also mehr Information für die Mitarbeiter und einen sportlichen Ansatz in der Produktion sieht, kritisiert ein Arbeiter das System. "Die Leute stacheln sich gegenseitig an, ein Konkurrenzdenken kommt da auf jeden Fall auf." Ein "ungutes Gefühl" bekomme er vor allem, wenn seine Schicht eine Woche lang rote Zahlen schreibe. "Solche leistungsabhängigen Entgelte sind immer eine institutionalisierte Form der Selbstausbeutung," sagt ein Gewerkschafter. Zu Mobbing habe das aber bei Philips bisher nicht geführt.

Gehaltserhöhung für Top-Leistungsträger

Laut Fachverband der Elektro-, und Elektronikindustrie (FEEI) sind Leistungsentgelte in der Branche im Kommen. Der seit Januar 2005 geltende Kollektivvertrag (KV) schreibt als erster in der österreichischen Industrie Firmen zwingend vor, Leistungsprämien einzuführen. Einmal jährlich müssen nun alle Betriebe - zunächst für Angestellte, für Arbeiter gibt es Übergangszeiten - ermitteln, wer die Top-Leistungsträger des Unternehmens sind. Für sie gibt es dann aus einem eigenen Topf eine Gehaltserhöhung. (András Szigetvari, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 25.1.2005)

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