Wie Medien zu nachhaltiger Entwicklung beitragen können

Redaktion, 24. Jänner 2005, 19:50
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    foto: apa/dpa

Die gesellschaftliche Auseinandersetzung mit komplexen Themen ist primär an die Medien­berichterstattung gebunden

Nachhaltige Entwicklung ist ein zutiefst gesellschaftspolitisches Thema. Daher ist eine öffentlich geführte Diskussion ein wichtiger Pfeiler, um die Debatte darüber lebendig, aktuell und auf breiter Basis weiterentwickeln zu können.

Eine funktionierende Öffentlichkeit, verstanden als Kommunikationsraum, in dem politische Themen von Akteuren des politischen Systems, der Zivilgesellschaft, aber auch von Privatpersonen diskutiert werden, gilt allgemein auch als Voraussetzung für die demokratische Verfasstheit eines politischen Gemeinwesens. Medien leisten einen grundlegenden Beitrag zur Schaffung, Bewahrung und Weiterentwicklung eines solchen Kommunikationsraums.

Es ist dabei aber festzustellen, dass das Leitbild einer nachhaltigen Entwicklung noch kaum im gesellschaftspolitischen Diskurs verankert ist. Und hier beginnt die Rolle der Medien. Denn was im Alltag an Wissen über nachhaltige Entwicklung existiert, wird in erster Linie von den Medien vermittelt und wohl nur selten vom Konsumenten selbst produziert.

Niklas Luhman, der Soziologe und Begründer der Systemtheorie geht dabei von folgender Hypothese aus: "Was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien".

Rahmenbedingungen der Medienlandschaft

Die gesellschaftliche Wahrnehmung und Auseinandersetzung mit komplexen Themen und deren Zusammenhängen ist primär an die Medienberichterstattung gebunden. Nach K. Klenner, W. Schimmelpfennig, H. Schreiber (2002) ist das Mediensystem derzeit hauptsächlich durch folgende drei Rahmenbedingungen gekennzeichnet:

Kommerzialisierung: der Medienbereich steht unter einem enormen wirtschaftlichen Druck und muss aus existenziellen Gründen die Einschaltquoten und die Kundenbindung stetig im Auge behalten

Konzentration und Internationalisierung: Medienkonzerne agieren zunehmend weltweit und in verschiedensten Medienbereichen (multinational und multimedial)

Neues Nutzungsverhalten: der Trend geht vom klassischen Massenmedium zur individualisierten und interaktiven Kommunikation. Hinzu kommt, dass der technische Fortschritt die Grenzen zwischen den Massenmedien und der individualisierten Kommunikation nahezu auflösen.

Innerhalb dieser Gegebenheiten handeln die Akteure der Medienlandschaft und interagieren mit jenen Akteuren, die an nachhaltiger Entwicklung interessiert sind und daran arbeiten. Für dieses Monatsthema wurden Interviews mit verschiedenen solcher Akteure geführt, um einen Einblick in die Dynamik ihrer Zusammenarbeit zu erhalten. Letztendlich geht es in diesem Monatsthema darum herauszufinden, wie der Begriff der nachhaltigen Entwicklung in seiner ganzheitlichen Dimension in der Medienlandschaft Fuß fassen und seinen festen Platz im öffentlichen Kommunikationsraum einnehmen kann.

Zusammenfassend kann dabei festgestellt werden, dass alle Interviewpartner der Ansicht sind, dass der Begriff der nachhaltigen Entwicklung immer öfter und vielleicht sogar viel zu oft verwendet und daher sehr stark verwässert wird. In vielen Fällen wird der Begriff einfach sehr unterschiedlich interpretiert oder nur sehr eindimensional verwendet Nachhaltige Entwicklung müsse exemplarisch an konkreten Beispielen festgemacht und medial präsentiert werden.

Einig sind sich die Interviewpartner auch dabei, dass es kein "bestes Medium" für die Verbreitung von nachhaltiger Entwicklung gibt, denn mit unterschiedlichen Medien werden unterschiedliche Personengruppen erreicht. Ideal sei daher ein Medien-Mix. Bei der Frage wie es denn nun konkret zu schaffen wäre, dieses Thema in den Medien zu pushen und den öffentlichen Diskurs darüber zu verbessern, wurde von einigen die Meinung vertreten, dass es nur möglich sei, einen Themenkomplex fundiert aufzubereiten und dann entsprechend anzubieten. Die Auswahl der Themen wird dann von den Medien und deren Rahmenbedingungen getroffen. Relevant sei daher vor allem gute Kontaktpflege mit am Thema interessierten JournalistInnen und RedakteurInnen und eine Darstellung des Themas, die die (positiven) Emotionen der Menschen anspricht.

Der Zusammenhang zwischen Medien, Kommunikation und öffentlichem Diskurs und die Rolle der Medien in der Verbreitung und gesellschafts­politischen Weiterentwicklung des Themenkomplexes nachhaltige Entwicklung ist Thema des Monats Jänner 2005 im Internetportal

Logo: Nachhaltigkeit.at
Eine Initiative des Lebensministeriums



Die AutorInnen:

D.I.in Doris Schnepf und Mag. Arno Behrens, Sustainable Europe Research Institute

Direkt-Link zum Monatsthema 1/2005
(mit Text-Vollversion und weiterführenden Informationen)
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10 Postings
Elisabeth Jarok
00
oh nein

was ich über nachhaltige entwicklung weiß, weiß ich von den recycling-mistkübeln vor meinem haus. und nicht von den massenmedien.
überhaupt gibt es sehr viel was ich von der welt weiß, das ich nicht in den massenmedien erfahren habe. sondern selber durch gespräche, reisen, hinschauen und zuhören und lernen.
nicht jede radikale these eines soziologen (luhmann) muss man nachplappern, bzw. nicht jeder super klingende satz ist auch richtig.

The Alien
 
00
25.1.2005, 15:51
Medien und Evolution

(Massen)Medien, als Teil eines auf Machterhalt ausgelegten Systems, sind aufgrund ihrer sozio-ökonomischen Randbedingungen nicht in der Lage, Evolution oder gar Revolution zu fördern.

Ad athene2003 & Rambazamba: egal ob geplante Desinformation oder unreflektierte Spiegelung subjektiver, nicht transparenter Wahrheiten oder gar das Bemühen um transparente Berichterstattung - die Medien heute bewegen sich in einem sehr schmalen Korridor der mehr oder weniger liberalisierten Political Correctness.

Ich vermisse jedwede Polarisierung oder gar Diskurs auf makroskopischer Ebene. Von einer multidimensionalen Realität ist in den Medien nur ein mikroskopischer Ausschnitt präsent.

Der Rest ist aber auch kaum tauglich, für ein Massen-Publikum, oder?

athene 2003
00
26.1.2005, 16:33
mit "makroskopisch"

meine ich hier metaphorisch den (veralteten) systembildenden, ganzheitlichen Gestus, den luhmann gebraucht, der aber in der modernen welt nicht mehr brauchbar ist, die in viele teilsysteme (die sich gegenseitig beeinflussen, was luhmann kaum zugesteht) segmentiert ist. zu makroskopisch heißt hier mit einer allumfassenden und dadurch zu groben terminologie normative implikationen nicht mehr einpassen zu können. dass die realitätsgestaltenden funktion der medien heutzutage nicht mehr normativ sei, ist ja hanebüchen. luhmann macht den verbraucher und leser zum defaitisten, zum ausgelieferten, was schlimm ist: ER WILL IHN IN DIESER ROLLE LASSEN. ich verstehe nicht, warum die autorin des artikels gerade auf luhmann referiert.

The Alien
 
00
27.1.2005, 10:30
My mistake ...

bin zu dem Thema nur interessierter Laie, kein Experte und schon gar kein Experten (Luhmann?) Experte, daher offensichtlich das Missverständnis.

Hatte in diesem Zusammenhang zum ersten Mal von Luhmann gehört, allerdings finde ich die Diskussion spannend.

athene 2003
00
24.1.2005, 20:43
4 zu luhmann

nicht mehr getroffen werden kann. Die gesamte „Ja/Nein-Codierung der sprachlichen Kommunikation“ würde versagen. Sinnvoller wäre es indessen, anders als Luhmann gerade aufgrund dieser ungemeinen realitäts-gestaltenden Funktion der Massenmedien auf deren Verantwortung hinzuweisen, auf die Notwendigkeit des qualitätsjournalistischen Ethos, Bildungs- auf Kulturauftrags.

athene 2003
00
24.1.2005, 20:43
zu luhmann

Die Irritation durch Verzerrung geschehe zwangsläufig, da Medien mit Schemata arbeiten, wobei Zeit- und Sachschema durch die Notwendigkeiten der Komplexitäts-reduktion und der verständlichen Informationsvermittlung verknüpft würden. Ein Fehlschluss im eigenen Interesse der Systemtheorie scheint Luhmann dort zu unterlaufen, wo er Medien als Realitätsverzerrer beschreibt. Einen allgemeinen Glauben an einen Realismus oder gar „naiven Realismus“ setzt Luhmann hiermit (ungewollt) gerade erst voraus, denn er macht die Frage der Zustimmung oder Ablehnung einer Information als wahre oder falsche erst von diesem erkenntnis-theoretischen Schema abhängig. Mehr noch, er meint, dass gar die Unterscheidung zwischen Mitteilung und Information nicht

Rambazamba
00
25.1.2005, 09:34
Respekt vor Ihrem Posting...

klingt spannend. Naiven Realismus würde ich Luhmann nicht unterstellen, denn zwischen Fehlinformation aufgrund eines Recherche- oder Informatinosdefizits oder bewusster Falschinformation und "Propaganda" sehe ich einen Unterschied. Dieser ist in vielen Fällen klar festzumachen. Ihrer Conclusio zu Qualitätsjournalismus stimme ich aus eben diesen Gründen voll zu. Es mag keine absolute Objektivität geben. Es gibt aber relativ transparente Subjektivität. Wenn man auch vom philosophischen Wahrheitsbegriff absieht, darf man manglende Objektivität IMHO durchaus kritisieren.

athene 2003
00
25.1.2005, 12:41
glaub wir haben uns falsch verstanden?

natürlich ist ein kein naiver realist, alles andere ist er. klar sind medien realitätsverzerrer, ist ja banal - dabei vollzieht sich, ich bin ganz auf ihrer seite, das ausmaß bewusst, gesteuerter als l. einzugestehen wagt, aus kommzeriellen gründen nämlich (postfordismus!!! sage ich nur). das mit dem nr ist ein bissl polemisch von mir zu verstehen ... der gute ist zu wenig pragmatisch und agiert zu makroskopisch ...

athene 2003
00
24.1.2005, 20:42
2 - luhmann

Die Massenmedien realisieren in der Gesellschaft genau jene duale Struktur von Reproduktion und Information, von Fortsetzung einer immer schon angepassten Autopoiesis und kognitiver Irritations-bereitschaft. Ihre Präferenz für Information, die durch Publikation ihren Überraschungswert verliert, also ständig in Nichtinformation transformiert wird, macht deutlich, dass die Funktion der Massenmedien in der ständigen Erzeugung und Bearbeitung von Irritation besteht – und weder in der Vermehrung von Erkenntnis noch in einer Sozialisation oder Erziehung in Richtung auf Konformität mit Normen.

athene 2003
00
24.1.2005, 20:41
1 - luhmann:

„Man kann die `Realität der Massenmedien´ deshalb nicht begreifen, wenn man ihre Aufgabe in der Bereitstellung zutreffender Informationen über die Welt sieht und daran ihr Versagen, ihre Realitätsverzerrung, ihre Meinungsmanipulation misst – so als ob es anders sein könnte. Die Massenmedien realisieren in der Gesellschaft genau jene duale Struktur von Reproduktion und Information, von Fortsetzung einer immer schon angepassten Autopoiesis und kognitiver Irritations-bereitschaft. Ihre Präferenz für Information, die durch Publikation ihren Überraschungswert verliert, also ständig in Nichtinformation transformiert wird, macht deutlich, dass die Funktion der Massenmedien in der ständigen Erzeugung und Bearbeitung von Irritation besteht – und

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