Kiew grüßt Moskau

11. Februar 2005, 17:05
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Die Bestellung Timoschenkos ist sowohl für Putin als auch für Juschtschenko eine enorme Herausforderung - von Josef Kirchengast

Viktor Juschtschenko hat mit seinem ersten Auslandsbesuch als ukrainischer Präsident Selbstverständliches signalisiert: dass Russland aus historischen, kulturellen und wirtschaftlichen Gründen der wichtigste Partner der Ukraine ist - zumindest für absehbare Zeit.

Mit der Ernennung der kämpferischen Julia Timoschenko zur Regierungschefin noch vor seiner Abreise brachte Juschtschenko seinem Gastgeber Wladimir Putin aber zugleich eine keineswegs selbstverständliche Botschaft mit: So wie Moskau sich den ukrainischen Präsidenten nicht aussuchen kann, hat es auch keinen Einfluss auf die Besetzung anderer Spitzenämter im Nachbarland.

Timoschenko wird von der russischen Justiz mit Haftbefehl gesucht, wegen undurchsichtiger Energiegeschäfte während ihrer Zeit als "Gasprinzessin" (Chefin eines riesigen Energiekonzerns). Sie hat die Vorwürfe, die auch in der Ukraine erhoben wurden, stets als politisch motiviert zurückgewiesen. Das macht sie freilich noch nicht über jeden Verdacht erhaben.

Wie Russland sich ihr gegenüber verhält, falls das ukrainische Parlament sie als Ministerpräsidentin bestätigt, wird Aufschluss über Moskaus generellen Kurs gegenüber Kiew geben. Sowohl in ihrem Auftreten als auch programmatisch ist Timoschenko die ausgeprägteste Persönlichkeit der ukrainischen Politik. Sie tritt für kompromisslose marktwirtschaftliche Reformen ein und hat einen Großteil der Jugend hinter sich.

Damit ist sie sowohl für Putin als auch für Juschtschenko eine enorme Herausforderung. So wie sich der Kremlchef Russlands Zukunft vorstellt, muss er ein Scheitern der ukrainischen Wende wünschen. Juschtschenko wiederum mag insgeheim hoffen, dass seine Premierministerin ihm beim zu erwartenden Widerstand gegen schmerzhafte Reformen als Hitzeschild dient. Aber es sind die Fehleinschätzungen ihrer Person durch andere, die Julia Timoschenkos bisherigen Weg markieren. (DER STANDARD, Printausgabe, 25.1.2005)

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