"Just A Kiss": Mehr als ein Gefühl

26. März 2005, 22:05
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Liebe gegen kulturelle Hindernisse: Ken Loachs "Just A Kiss"

Wien - Es beginnt, wie so oft im Kino, mit einem Zusammentreffen, das der Zufall initiiert: Eine junge Lehrerin begegnet dem älteren Bruder einer Schülerin. Die Frau und der Mann finden Gefallen aneinander. Eine scheinbar ganz alltägliche Liebesgeschichte könnte an dieser Stelle anfangen - wäre da nicht der Umstand, dass Roisin (Eva Birth- istle) Irin ist, während Casim (Atta Yakub) als Sohn pakistanischer Zuwanderer in Glasgow lebt.

Just A Kiss (Ae Fond Kiss), der jüngste Film von Ken Loach, auf der vorigen Berlinale vorgestellt, erzählt in der Folge von den inneren wie äußeren Konflikten, die diese Beziehung belasten: Die Eltern von Casim haben ihrem Sohn längst eine rechtgläubige Ehefrau ausgesucht. Die ältere Schwester sieht ihre eigene Ehe durch den drohenden Fehltritt des Bruders mit einer Ungläubigen gefährdet.

Weichenstellungen

Nur die jüngere, die sich gleich zu Beginn des Films mit einer ganzen Schulklasse anlegt und ein wütendes Referat über rassistische Klischees und Übergriffe hält, erhofft sich vom Aufbegehren Casims auch eine Weichenstellung für eine eigene, selbstbestimmte Zukunft.

Aber Casim praktiziert zunächst vor allem ein Doppelspiel zwischen traditionellen Familienregeln und den Angeboten britischer (Jugend-)Kultur. Darin ist er versiert, es eröffnet ihm - genau wie anderen männlichen Landsleuten - vermeintliche Freiräume.

Für die geschiedene Roisin dagegen besteht ihre persönliche Freiheit gerade darin, sich nicht zu verstecken. Doch auch sie stößt als Angestellte einer konfessionellen Schule schließlich irgendwann hart an die Grenzen dessen, was ihr ihr Umfeld an privatem Ausscheren aus der tradierten Norm zugesteht. Die Anfechtungen interkultureller Beziehungen sind also nicht alleine als das Problem einer Seite zu verorten . . .

Alles in allem bleibt der Film allerdings eine solide gefertigte, romantische Komödie mit Anliegen. Im Kontext von Ken Loachs Werk muss er als eine eher konventionelle Arbeit gelten. Der britische Regisseur ist einer der profiliertesten Vertreter eines Kinos, das seine Aufgabe stets in der Thematisierung von Lebensbedingungen, von sozialen Missständen und deren politischen Hintergründen sah. Das zeitigte, nach zahlreichen Fernsehproduktionen, zunächst so präzise, fesselnde Milieustudien wie Poor Cow (1967), Kes (1969) oder später Raining Stones (1993).

In seinem Drama The Navigators (2001) zeichnete Loach zuletzt etwa akribisch die Privatisierung der britischen Eisenbahn und die damit einhergehenden drastischen Verschlechterungen von Arbeitsbedingungen und Sicherheitsstandards nach und lenkte dabei den Blick fortwährend von den Einzelschicksalen auf die größeren Zusammenhänge.

In Just A Kiss dagegen hat man - trotz der beherzten Hauptdarsteller - immer wieder den Eindruck, dass Loach hier seine Genauigkeit bezüglich der Darstellung eines Sozialgefüges zugunsten einer vordergründigeren Argumentation vernachlässigt. Und dass er sich hier jenes Standardrepertoires an Figuren und Konfliktsituationen bedient, das auch vergleichbare britische Filme (Bend It Like Beckham, East Is East u. ä.) in den letzten Jahren bereits variierten. Das ist nicht unbedingt wenig, aber von Loach hätte man sich doch mehr erwartet. (DER STANDARD, Printausgabe, 25.01.2005)

Von
Isabella Reicher

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    foto: polyfilm
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