Asylwerber Adlan K.: "Was soll ich machen?"

4. April 2007, 12:45
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Tschetschenischer Flüchtling im derStandard.at- Interview über die Situation seiner Familie im Floridsdorfer Flüchtlingsheim

Adlan K. (Name von der Redaktion geändert) ist Asylwerber und lebt mit seiner Familie seit über einem Jahr in Österreich. Im Interview mit derStandard.at erzählt er von der Situation seiner Familie im Floridsdorfer Flüchtlingsheim, von seiner Heimat und vom Krieg. Das Gespräch führten mit Hilfe eines Dolmetschers Sonja Fercher und Rainer Schüller.

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derStandard.at: Woher kommen Sie?

Adlan K.: Aus Grosny.

derStandard.at: Warum mussten Sie Ihr Land verlassen – und warum kamen Sie nach Österreich?

Adlan K.: Unter den gegebenen Umständen ist es unmöglich in meinem Land zu leben, denn dort ist Krieg. Ich bin hier hergekommen, um meinen Kindern ein besseres Leben zu ermöglichen. Und die Bedingungen dafür sind in Österreich gegeben.

derStandard.at: Gefällt es Ihnen in Österreich?

Adlan K.: Ich bin nun seit einem Jahr und drei Monaten hier, ja, es gefällt mir hier.

derStandard.at: Und in diesem Heim?

Adlan K.: Wir sind hier sehr gut aufgenommen worden. Wir sind sieben Leute und haben drei Zimmer bekommen. Das Personal hier ist sehr gut.

derStandard.at: Wie oft mussten Sie schon umziehen?

Adlan K.: Zwei Mal, vorher waren wir in einem Heim des Roten Kreuzes im dritten Bezirk.

derStandard.at: Es gab Proteste gegen dieses AsylwerberInnenheim, haben Sie davon auch etwas mitbekommen?

Adlan K.: Wir haben das im Fernsehen gesehen. Das Einzige, das ich dazu sagen kann und möchte ist, dass das ein Heim für Familien ist. Die meisten haben zwischen drei und vier Kinder. Es wird sicher keine Probleme geben; es gibt eigentlich keinen Grund zur Sorge.

derStandard.at: Wie sind ihre Erfahrungen mit der Bürokratie?

Adlan K.: Seitdem ich hier bin, hatte ich zwei Termine beim Bundesasylamt. Ich würde mich freuen, wenn der Asylantrag schneller bearbeitet wird, weil dann Einiges leichter für uns wäre.

derStandard.at: Wie wird argumentiert, dass es so lange dauert?

Adlan K.: Sie sagen, sie hätten wahnsinnig viel zu tun und es gebe eine irrsinnig lange Schlange.

derStandard.at: Wie lange es noch dauert, wissen Sie also nicht?

Adlan K.: Nein. Als ich gefragt habe, wurde mir zur Antwort gegeben, dass ich noch warten muss.

derStandard.at: Sollte Ihr Asylantrag angenommen werden, was würden sie dann als nächstes tun? Wie stellen sie sich ihre Zukunft hier vor?

Adlan K.: Wir möchten gerne in eine private Wohnung einziehen. Ich würde entweder eine Lehre machen oder arbeiten gehen, aber so lange ich keine Dokumente habe, darf ich das nicht.

derStandard.at: Welchen Beruf haben sie gelernt?

Adlan K.: Ich bin Bauarbeiter.

derStandard.at: Wie sieht ihr Tagesablauf zurzeit aus?

Adlan K.: .: Im Moment schaue ich, dass ich zwei mal in der Woche Sport machen kann - Kickboxen - da nehme ich auch meinen Sohn mit. Dann beschäftige ich mich mit den Kindern und gehe einkaufen, damit meine Frau ein bisschen entlastet ist. Das ist es im Großen und Ganzen.

derStandard.at: Haben sie Heimweh?

Adlan K.: Ehrlich gesagt: Wie kann man nicht Heimweh haben? Ich bin in Tschetschenien geboren und aufgewachsen. Es fehlt mir ein bisschen, aber was soll ich machen?

derStandard.at: Wie geht es den Kindern?

Adlan K.: Auch die Kinder haben natürlich Heimweh, aber Kinder gewöhnen sich ja an alles. Zwei meiner Kinder gehen in die Schule, die haben auch schon Freunde hier.

derStandard.at: Haben sie selbst schon Freunde gefunden?

Adlan K.: Ich lerne gerade die neuen Bewohner kennen, auch in Wien habe ich schon Freunde.

derStandard.at: Österreicher?

Adlan K.: Nein, das sind auch Tschetschenen.

derStandard.at: Wollen Sie uns etwas über Tschetschenien erzählen?

Adlan K.: Für die Jugend ist es dort sehr schwer, 16 bis 20-Jährige verschwinden in irgendwelchen Lagern und tauchen nie wieder auf. Es gibt Vorfälle in Dörfern, wo 16 bis 18-jährige Mädchen verschleppt werden. Es gibt Tausende Menschen, die vermisst werden.

Aber das können sie ja eh alles im Internet lesen, was da los ist. Ich bin ein bisschen traurig, wenn in der ganzen Welt gezeigt wird, was in Dagestan passiert, etwa wenn dort zwei Häuser zerstört werden, während nicht darüber berichtet wird, was in Tschetschenien passiert. Was ich dort mit meinen eigenen Augen gesehen habe, wird hier nicht gezeigt.

Im ersten Krieg gab es noch ausländische Journalisten, die berichtet haben, aber nun lässt man keine mehr rein.

derStandard.at: Haben Sie auch im Krieg gekämpft?

Adlan K.: Ja. Manchmal.

derStandard.at: Es gibt Ängste von Seiten einiger Anrainer hier. Wollen sie diesen etwas sagen?

Adlan K.: Wir sind Menschen wie alle anderen. Wir wissen sehr wohl, wie man sich zu benehmen hat. Wir schätzen Gäste und haben Achtung vor unseren Freunden. Wir haben unsere Familien, haben unsere Sorgen und denken auch an unsere Kinder. Wer zu uns gut ist, bekommt es doppelt zurück. Wir verteidigen unsere Heimat, die von den Russen besetzt wurde. Ich glaube, dass auch überall anders die Menschen versuchen würden, ihr Land zu beschützen. Es gibt keinen Grund, sich vor uns zu fürchten.

derStandard.at: Können sie sich vorstellen, für die österreichische Nationalmannschaft im Kickboxen anzutreten?

Adlan K.: Natürlich, ich kenne viele Leute, die das machen würden, und es gibt auch Tschetschenen, die Preise für Österreich gewonnen haben. Wenn man in einem Land lebt, ist man auch stolz auf dieses Land.

  • Adlan K.: "Wie kann man nicht Heimweh haben? Ich bin dort geboren und aufgewachsen."
    foto: derstandard.at/rasch

    Adlan K.: "Wie kann man nicht Heimweh haben? Ich bin dort geboren und aufgewachsen."

  • Frau und Tochter von Adlan K. im Heimzimmer
    foto: derstandard.at/rasch

    Frau und Tochter von Adlan K. im Heimzimmer

  • Zweite Tochter mit Puppennachwuchs. Das Ehepaar hat vier Mädchen und einen Buben. Das jüngste Kind ist zweieinhalb Monate alt, zwei gehen zur Schule und zwei in den Kindergarten.
    foto: derstandard.at/rasch

    Zweite Tochter mit Puppennachwuchs. Das Ehepaar hat vier Mädchen und einen Buben. Das jüngste Kind ist zweieinhalb Monate alt, zwei gehen zur Schule und zwei in den Kindergarten.

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