Betriebe verabschieden sich von Lehrausbildung

3. Februar 2005, 10:31
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In den letzten Jahren sank die Ausbildungs­bereitschaft der österreichischen Unternehmen dramatisch. Eine Erholung sei nicht in Sicht, sagen Experten

Wien – Die Zahlen sprechen für sich: Trotz hoher öffentlicher Förderungen – und diverser wohlmeinender Initiativen seitens der Politik – verabschieden sich seit Jahren mehr und mehr Betriebe von der Lehrlingsausbildung – seit 1980 ganze 40 Prozent.

Gab es vor 25 Jahren noch 194.100 aufrechte Lehrstellen pro Jahr, so sind es derzeit nur noch rund 119.000, sagte Wolfgang Alteneder von der Wiener Arbeitsmarkt-Forschungsgesellschaft Synthesis im STANDARD-Gespräch. Eine Erholung sei nicht in Sicht. Eine absehbare leichte Entspannung aus der demografischen Entwicklung heraus werde durch den starken Anstieg des Arbeitskräfteangebots überkompensiert.

Dramatik am Bau

"Am dramatischsten ist die Entwicklung im Bauwesen", so Alteneder. Dort sank der Anteil am Lehrstellenmarkt von 21,4 Prozent im Jahr 1999 auf heute 16,5 Prozent. "Da holen sich die Betriebe offenbar nur noch die billigen Hilfskräfte und pfeifen auf die Lehrlingsausbildung."

Auch der Rückzug der Industrie sei markant. Hatte die Sachgütererzeugung 1999 noch einen Anteil von 21 Prozent am gesamten Lehrstellenmarkt, sank dieser in nur sechs Jahren auf nunmehr 18 Prozent – eine Entwicklung, die sich "mittelfristig bitter rächen wird", ist der Arbeitsmarktexperte überzeugt.

Lob dem Handel

Die löbliche Ausnahme von der Regel bilde der Handel, dieser sei in seiner Ausbildungsbereitschaft "expansiv", so Alteneder. Am Gesamtmarkt aller Lehrlinge steigerte der Handel seinen "Marktanteil" von 28,6 Prozent (1999) auf mittlerweile 32 Prozent.

Alteneder: "Mittlerweile gibt es die eine oder andere Initiative der betrieblichen Interessenvertretungen gegen den sich abzeichnenden Fachkräftemangel. Spezifisch qualifiziertes Personal gibt es nicht auf Knopfdruck." Aber auch heuer wird sich der Rückzug der Betriebe aus der Lehrausbildung auf rund 117.000 Lehrstellen fortsetzen, geht aus der neuesten Synthesis-Prognose hervor.

Im letzten September, dem für den Lehrstellenmarkt relevanten Monat, suchten rund 7300 Jugendliche eine Lehrstelle, aber nur 2700 offene Lehrstellen waren vorhanden. Rechnet man noch jene Jugendlichen hinzu, die in geförderten Kursen an Wifi, Bfi oder Berufsschulen auf einen regulären Lehrplatz warten ("Auffangnetz"), ergibt sich laut AK sogar eine Lücke von österreichweit 13.776 fehlenden Lehrstellen. Ergo muss das Auffangnetz aufgespannt bleiben: Heuer gibt die öffentliche Hand 71 Mio. Euro für bis zu 7800 solcher Ausbildungsplätze aus. (Michael Bachner, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 25.1.2005)

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    Den Slogan "Karriere mit Lehre" haben noch viele im Kopf, doch die Betriebe bieten immer weniger Lehrstellen an.

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