Schüller kritisiert Krisenmanagement und Reformstau

11. Februar 2005, 15:48
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"Durchtauchen wollen" bei Skandalen - Kirche sitzt bei Zukunftsfragen "auf der Bremse"

Wien - Der Ombudsmann für Opfer sexuellen Missbrauchs in der Erzdiözese Wien, Helmut Schüller, sieht den Grund für den Kirchenaustritts-Rekord einerseits im Umgang der Kirche mit Skandalen, andererseits aber auch in der "wachsenden Entfremdung" wegen eines Reformstaus in der Kirche. Sollte die Kirchenleitung mit brennenden Problemen weiter so umgehen wie jetzt, könnte es zu einem massiven Autoritätsverlust kommen, der geradezu eine "anarchistische Verselbstständigung der Basis" auslösen könnte - wobei aus dem Chaos Neues entstehen könnte, sagte Schüller am Samstag in der Radioreihe "Im Journal zu Gast".

Für das Krisenmanagement der Kirche fand Schüller scharfe Worte: Gehandelt würde immer erst, "wenn gehandelt werden muss", etwa als in den Medien Fotos aus dem St. Pöltener Priesterseminar auftauchten. Und dann werde "immer wieder der Versuch gemacht, Dinge klein zu reden, schön zu reden", die Grundstrategie sei "Durchtauchen wollen".

Kritik am Reformstau

Auch den von ihm konstatierten Reformstau prangerte Schüller sehr kritisch an: Er und viele Gläubige hätten das Gefühl, dass die Kirche "bei vielen Zukunftsperspektiven auf der Bremse sitzt". Langsam werde es "wirklich ein Problem, festzustellen, dass gar nichts weiter geht" - in den Fragen der Stellung der Frau in der Kirche, der zeitgemäßen Sprache zur Sexualität oder in der Ökumene. "Was das Kirchen-Volksbegehren artikuliert hat, gehört geradezu zu den Selbstverständlichkeiten", verwies Schüller auf die nicht umgesetzten Forderungen.

Die Verantwortlichen in der Kirche hätten "kein ganz geschlossenes Ohr" gegenüber den Beratern, die ihnen raten "bleibt wie es ist", weil "Weihrauch, Latein und absolute Frömmigkeit" in ein paar Jahren wieder gesucht würden. Seiner Meinung nach muss sich die Kirche aber "maximal rüsten" und "der Menschenwürde gemäß Neuerungen" durchführen. "Selbstkritische, reformfreudige, selbst-erneuerungsfreudige Wegbegleitung" müsse die Kirche anbieten, wenn sie eine Rolle in der Respiritualisierung der Gesellschaft spielen will.

Von einer "Glaubenskrise" will Schüller nicht sprechen: "Der Glaube kann nicht in die Krise kommen", als "Ur-Vertrauen darauf, dass Gott mein Vater ist und die Menschen meine Geschwister". "Da muss ich schon die Institutionen fragen, was davon sie sich selber zuzuschreiben haben, wenn es da Krisen gibt", meinte der frühere Generalvikar.

Vertrauen in die Reformkraft der Kirche hat er. Es sei immer wieder zu Reformen gekommen, "es hat nie genützt, sie vollkommen zu ignorieren". Sollte die Kirche selbst nichts ändern, komme es zu Autoritätsverlust und dann "vielleicht zu einer Phase des Chaos". Dieses könnte aber auch produktiv sein und zu Neuerungen führen, meinte Schüller. (APA)

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