"Das war so riesig und so kalt"

25. Februar 2005, 18:57
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Der vierten Generation fällt die Erinnerung an die Schrecken des Holocaust schwer - Gabriele Lesser begleitete eine Gruppe von 21 deutschen Gymnasiasten aus Frankfurt/Oder auf ihrem Besuch im ehemaligen KZ Auschwitz-Birkenau

In Auschwitz-Birkenau schneit es. Vor dem berüchtigten Tor, durch das einst die Züge bis zur Rampe vor den Gaskammern fuhren, stehen 21 Jugendliche und zwei Lehrer. Sie frieren. Durch das Tor können sie auf die sich schier unendlich hinziehenden Gleise sehen. Irgendwo da ganz hinten, wo der Wald beginnt, mussten die Gaskammern gestanden haben. Dort sind über eine Million Menschen ermordet worden.

Nervös zünden sich einige eine Zigarette an. Es schneit immer stärker. Im drei Kilometer entfernten Stammlager mit den ehemaligen Kasernen voll Koffern, Haaren und Schuhen waren die 16- bis 20-jährigen schon zwei Tage zuvor. Sie haben sich eine Woche Zeit genommen, um den Massenmord an den Juden an seinem symbolträchtigsten Ort zu begreifen, in Auschwitz und Auschwitz-Birkenau.

Jerzy Debski von der Gedenkstätte winkt der Gruppe zu. Er spricht deutsch mit starkem schlesischem Akzent. Auf dem Wachturm über den Gleisen erklärt er kurz: "Links seht ihr die Frauenbaracken, geradeaus die Baracken der Strafkompanie, daneben die Ruinen der Gaskammern und Krematorien, rechts die Männer-und Quarantäne-Baracken. Habt ihr Fragen?" Die jungen Leute brauchen mehr Zeit. Sie schweigen. Anders als Debski sehen sie zum ersten Mal aus den Fenstern des Wachturms. Die Stacheldrahtzäune, die Holzbaracken, die Wachtürme, die Gleise - es scheint gar kein Ende nehmen zu sollen. Sie begreifen: Das Lager war eine Welt für sich.

Doch es geht schon weiter. Eine Toilettenbaracke. Zu sehen sind eng nebeneinander stehende Etagenbetten aus Holz und in der Mitte eine Art Toilettenbank aus Beton,. Nebeneinander sitzend konnten dort ca 40 Häftlinge gleichzeitig ihre Notdurft verrichten. "Das muss ja gestunken haben", meint eine Schülerin. "Wo war denn die Spülung?", fragt ein anderer. Das primitive Plumpsklo weckt eher das technische Interesse der jungen Leute. Debski schiebt sich seine schwarze Lederkappe in den Nacken und erklärt: "Die Fäkalien wurden in großen Silos gesammelt. Dann haben die Deutschen, die den Rohstoff Mensch möglichst vollständig verwerten wollten, Experimente zur Gasgewinnung durchgeführt. Aber das hat nicht geklappt. Noch Fragen?"

Es geht weiter. Eine Wohnbaracke mit dreistöckigen Etagenbetten und einem Steinofen, der die in der Mitte der Baracke verlaufende Sitzbank heizte. "Hier haben 150 bis 1000 Menschen geschlafen. Die Baracken wurden beheizt", erklärt Debski und setzt hinzu: "Zu den drei größten Plagen gehörten Ratten, Läuse und Fleckfieber. Damit kämpften Häftlinge, aber auch die SS. Die Läuse haben sich über die Lebenden hergemacht, die Ratten über die Toten. Das Ungeziefer hatte genug zu fressen im KZ. Noch Fragen?" Die Jugendlichen versuchen weiterzudenken, aber der gedrungene kleine Mann wirkt nicht so, als könne er Sinnfragen beantworten. Um überhaupt etwas zu sagen, fragen sie wieder nach technischen Details: "Wurde das denn wirklich warm in den Holzbaracken? Hat das nicht gezogen? Und wo ist die Luft aus der Bank wieder entwichen?"

Es geht weiter, zu anderen Baracken, zu den Ruinen der Gaskammern und Krematorien, wo Debski im Schneetreiben Zahlen, Daten und Fakten aneinanderreiht, die sich keiner merken kann. Eine der Schülerinnen quält eine ganz andere Frage. "Wenn ich jetzt den Ring rausnehme, bricht dann meine Nase mit ab? Oder soll ich den Ring in der Nase lassen? Aber er tut weh!" Debski nennt immer noch Zahlen, doch keiner hört mehr zu. Es ist zu kalt.

Am meisten haben mich die Haare und die Koffer berührt", meint Juliane Heinisch (18) nach dem Mittagessen in der Jugendbegegnungsstätte. "Da habe ich das erst verstanden. Ich meine das Ausmaß. Man kann sich das doch gar nicht vorstellen." Für Sarah Bursch (18) war Birkenau wichtiger: "Das war so riesig und so kalt. Dann noch der Schnee und dieser eisige Wind. Wir konnten ja nach drei Stunden zurück in den warmen Bus und haben hier gleich ein Mittagessen bekommen. Aber die Häftlinge damals, die hatten doch nur so dünne Sachen an. Wie müssen die erst gefroren haben? Ich kann es mir immer noch nicht richtig vorstellen."

Johannes Reicherdt (20) studiert bereits Bauingenieurwesen. Vor vier Jahren war er schon einmal mit dem Otto-Brenner-Gymnasium in Oswiecim. "Da war ich 16. Damals hat mich das alles nur ganz benommen gemacht. Ich war tief getroffen, aber ich konnte gar nichts sagen: jedes Wort schien mir viel zu banal zu sein." Er habe später viel gelesen. Als er hörte, dass sein Lehrer Peter Orlowski wieder mit einer Gruppe fahren wollte, fragte er spontan, ob er mitkönne: "Es ist der Ort. Hier in Auschwitz ist es passiert. Das kann kein Buch vermitteln und kein noch so gutes Museum."

Peter Orlowski (54) ist dennoch unzufrieden mit dem Ablauf der Reise. "Ich leite selbst eine kleine Gedenkstätte. Und hier nach Auschwitz kommen doch in erster Linie Schüler, aber für die gibt es gar kein richtiges Angebot. Die werden durch die Ausstellung gejagt, dazu der Frontalvortrag, die vielen Zahlen. Da hat sich in all den Jahren gar nichts geändert." Die Schüler seien nun schon die vierte Generation nach dem Krieg. "Für die jungen Leute gibt es keine Erinnerung mehr an den Krieg, nicht mal die Großeltern können ihnen noch was erzählen. Wenn Auschwitz nicht einfach Schulstoff bleiben soll, der in einer Klausur abgefragt und dann vergessen werden kann, muss er dieser Generation anders vermittelt werden als das die Gedenkstätte tut."

Am Abend gehen die älteren ins "Mefisto", die Szene-Kneipe Oswiecims. "Warum habt ihr euer KZ denn nicht mitgenommen?", blafft sie ein polnischer Jugendlicher an. "Wir wollen hier in Oswiecim in Ruhe leben. Wir brauchen das KZ nicht, wollten es nie haben." Ein anderer nickt, hebt sein Bierglas und meint in versöhnlichem Ton: "Ej, baut doch Euer KZ ab und in Berlin wieder auf. Da könnt ihr dann jeden Tag hingehen. Und zu uns kommt ihr zum Eishockeyspielen. Ist das ein Wort?" (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 22./23. 1. 2005)

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