Zeugnisse des Scheiterns

25. Februar 2005, 18:57
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Sie dienten als Beweismaterial im Reedukationsprozess - STANDARD-Gespräch mit dem Filmwissenschafter Thomas Tode über die Problematik der KZ-Dokumentarfilme

STANDARD: Die Filmbilder aus den KZs haben sich in unsere Gedächtnisse gebrannt. Es sind dokumentarische Filme, die künstlerisch gestaltet wurden. Was stand für die Alliierten im Vordergrund: Aufklärung, Aufrütteln, Abschreckung?

Thomas Tode: Der Aspekt der Aufklärung war der zentrale. Das sieht man daran, wie die Filme als Dokumente gemacht wurden. Man hat die Opfer in ihrer Opferrolle bestätigt, als Massenmenschen mit kahl geschorenen Köpfen, ohne Individualität. Sie sollten in einem Aufklärungsprozess als Beweismaterial herhalten. Man wusste, dass der Vorwurf der Inszenierung kommen würde. Es erging auch die Anweisung an die Kameramänner mit Schwenks zu arbeiten, möglichst viel von der Umgebung einzufangen, damit ja nicht der Gedanke aufkam, dass die Bilder womöglich in Studios gedreht wurden.

STANDARD: Die fehlende Empathie mit den Opfern erschreckt uns heute bei der Betrachtung der Filme. Warum wurde den Menschen ihre Individualität genommen?

Tode: Darüber kann man nur spekulieren. Man dachte wohl, dass es sich um durchaus emphatische Aufnahmen handelt, nur ist das misslungen. Das spürte man auch damals, der Umgang mit den Bildern wurde sehr ambivalent aufgenommen, auch zwischen den Besatzungsmächten kam es darüber zu Streit. Aus heutiger Sicht fallen die Aussparungen auf, die vorgenommen wurden. Zum Beispiel wurden ganze Opfergruppen nicht genannt. In den ersten KZ-Filmen - das sind auch oft Wochenschauen - hat man etwa die Juden als Opfergruppe nicht hervorgehoben. Hanu Burgers Film "Die Todesmühlen" unter der Oberleitung von Billy Wilder bemüht sich dagegen, die verschiedenen Opfergruppen aufzuzählen, hier werden aber Roma und Sinti vergessen. Heute steht der Opferanteil der Juden eindeutig im Zentrum. Das hat man damals offensichtlich nicht betonen wollen.

STANDARD: Auschwitz steht heute als Synonym für die Massenvernichtung. Ist das auch in KZ-Filmen so?

Tode: Das ist eine spätere Entwicklung. KZ-Filme zeigten möglichst viele KZs, um zu demonstrieren, dass die Lager keine Einzelfälle sind. Man arbeitete stark mit Aufzählungen, mit Zwischentiteln, die die Namen der Lager einblendeten. Man bemühte sich zu zeigen, dass die Vernichtung systematisch betrieben wurde. Auschwitz war dabei eines von mehreren Lagern. Die Sowjets, die das Lager befreiten, haben einen eigenen Film darüber gemacht ("Oswiecim"). Dass sich viele Bilder zu "Ikonen" entwickelten, hängt damit zusammen, dass sie in einen Bildfonds gegeben wurden, aus dem sich alle Alliierten bedienten. Besonders eindringliche Bilder, wie etwa jene von den Kindern - alle Zwillinge -, die in Auschwitz ihre Ärmel hochkrempeln und ihre eintätowierten Nummern zeigen, kennen viele. Sie werden auch heute noch oft benutzt.

STANDARD: Welche Funktion haben solche Bilder heute?

Tode: Wir müssen die Filme immer neu lesen. Die Filme sind Dokumente gegen das Vergessen. Sie sind auch Dokumente ihrer Zeit, Dokumente der Unfähigkeit, mit dem Geschehen umzugehen, Zeugnisse des Scheiterns. Wir müssen versuchen, diese Bilder um das Unzeigbare herum zu arrangieren. Damit meine ich, dass die eigentliche Funktion der Konzentrationslager in keinem Bild jemals festgehalten wurde.

STANDARD: Die Gaskammern werden doch relativ ausführlich gezeigt.

Tode: Die Instrumente werden gezeigt, aber nicht der Akt als solcher. Dieser ist eine Leerstelle, um die die Bilder kreisen. Das sind immer Ersatzbilder für ein eigentlich fehlendes Bild.

STANDARD: 1947 antworteten in einer Umfrage 59 Prozent der Befragten auf die Frage "Glauben Sie alles, was in den KZ-Filmen passiert ist?" mit Nein. Ist die Aufklärungsfunktion fehlgeschlagen?

Tode: Das zeigt, dass ein Großteil der Bevölkerung die Filme abgelehnt hat. Ein Grund liegt sicher darin, dass man seit über zwölf Jahren mit Propagandafilmen vertraut war und auch wusste, dass es sich um Propagandafilme handelte. Man nahm wohl an, dass die Siegermächte genauso Propaganda machten. Sie haben das auch gemacht in anderen Bereichen, sie haben schönfärberisch über ihre eigenen Leistungen geredet usw. Das Dilemma war, dass die Filme eine Doppelfunktion hatten, sie sollten die Umerziehung gewährleisten, die Kollektivschuld stand dabei im Mittelpunkt. Andererseits waren sie Sprachrohr der alliierten Besatzungsmächte. Diese Filme waren in einer Doppelbestimmung gefangen, das hat ihnen das Rückgrat gebrochen.

STANDARD: Sie sprechen über Deutschland. Lässt sich das Gesagte auf Österreich übertragen?

Tode: Es wurden die gleichen Filme gezeigt. Man fand es nicht nötig, einen spezifischen Film über Österreich zu machen, "Todesmühlen", "Camp de la mort" oder "Auschwitz" wurden genauso in Österreich gezeigt. Man hatte keine besondere Behandlung für Österreich vorgesehen. Es war früh klar, dass Österreich von Deutschland wieder abgetrennt werden sollte.

STANDARD: Wie viele Menschen haben in den unmittelbaren Nachkriegsjahren die KZ-Filme gesehen?

Tode: Das ist heute schwer zu sagen. Viele Filme sind in Kinoveranstaltungen als Vorfilme gelaufen, manche wurden speziell gezeigt. Es gab auch den Fall, dass einzelne Militärkommandanten eine ganze Bevölkerung verpflichteten, sich die Filme anzusehen. In Wien lief "Die Todesmühlen" nur drei Wochen. Das ist nicht lange. Über Zahlen lässt sich wenig sagen, Tatsache ist, dass die Filme großteils abgelehnt wurden.

STANDARD: 1947 wurden die Filme dann zurückgezogen. Womit hängt das zusammen?

Tode: Mit dem Kalten Krieg. Man wollte Deutschland in den Kalten Krieg einbinden. Das sieht man auch daran, dass die Sowjets nicht am eigentlichen Programm der Reedukation teilgenommen haben. Der neue Konflikt wurde als zentraler angesehen als die Entnazifizierung. Man wollte mit diesen Filmen später nicht mehr viel zu tun haben, wir wissen deswegen meist auch nicht, wann die Filme uraufgeführt wurden, wer die Autoren waren. Die Forschung steckt hier noch in den Kinderschuhen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 22./23. 1. 2005)

Thomas Tode ist Filmemacher und
-wissenschafter in Hamburg. Derzeit ist er Gastprofessor am Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft der Uni Wien.

Das Gespräch führte Stephan Hilpold
  • Bild nicht mehr verfügbar

    Bild aus einer sowjetischen Dokumentation

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