Trotzkis Übersetzerin

14. Februar 2005, 11:26
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Leben, Briefe und Schriften der Alexandra Ramm-Pfemfert (1883-1963)

Wer etwas vom Expressionismus und von der (1914/15 noch minoritären) Opposition gegen den Ersten Weltkrieg weiß, der kennt auch den Namen Franz Pfemfert. Pfemfert protegierte nicht nur die radikalsten KünstlerInnen der Zeit (Georg Heym, Jakob van Hoddis, Egon Schiele . . .), sondern gesellte sich auch als ein anarchistisch gesonnener Kommunist zu den marxistischen RevolutionärInnen um Rosa Luxemburg und später, in der Zwischenkriegszeit, zu den antistalinistischen Oppositionellen.

Seine Zeitschrift "Die Aktion" war - vergleichbar nur mit der von Karl Kraus herausgegebenen und geschriebenen "Fackel" - eine Stimme der Vernunft und der antiimperialistischen Revolution, zuerst in den Jahren der Materialschlachten, des Graben- und des Gaskriegs, dann in der Zeit der thermidorianischen Reaktion in der Sowjetunion und des in Deutschland heraufziehenden Faschismus. Seit 1924 erschienen die wichtigsten Schriften des von Stalin in die Opposition abgedrängten Leo Trotzki in deutscher Übersetzung im Verlag der Aktion.

Die Seele der Aktion - nämlich der Berliner Redaktion, des Verlags, der gleichnamigen Buchhandlung und des angegliederten Antiquariats - war Pfemferts Lebensgefährtin Alexandra Ramm, die 1901 aus dem russischen Starodub (das nahe der ukrainischen Grenze in einem der Siedlungsrayons für JüdInnen lag) nach Berlin zum Studium der Philologie (als Gasthörerin) gekommen war und Pfemferts literarisch-politische Unternehmungen tatkräftig unterstützte. 1958 schrieb sie, rückblickend, die Aktion habe "etwas ganz Einmaliges ermöglicht", nämlich "alles, was in Deutschland Geistiges war, zum Angriff gegen den wilhelminischen Sumpf zu sammeln". Anfang März 1933 entgingen die Pfemferts mit knapper Not einem auf sie angesetzten SA-Totschlägertrupp, der ihre Wohnung ausplünderte und das Archiv der Zeitschrift zerstörte. Sie flohen über Prag nach Paris (1934-1940), im Krieg dann weiter über südfranzösische Internierungslager nach Lissabon und New York und kamen schließlich nach Mexiko (1941-1955). Dort starb Franz Pfemfert 1954 vereinsamt und vergessen, Alexandra Ramm aber ging im folgenden Jahr wieder nach (West-)Berlin zurück, wo eine ihrer Schwestern die Hitlerzeit im Untergrund überlebt hatte.

Julijana Ranc hat die Geschichte Alexandra Ramms und ihrer Familie, gestützt auf Archivmaterialien und eine ausführliche Korrespondenz mit den in alle Welt zerstreuten, überlebenden Angehörigen, zuverlässig rekonstruiert und dokumentiert. Der Anhang enthält unter anderem eine Auswahl von Briefen aus der Korrespondenz zwischen Ramm und Pfemfert (54 Briefe) bzw. zwischen Ramm und Trotzki (33 Briefe), die im Trotzki-Archiv der Harvard-Universität liegt, von der Trotzki-Forschung bisher unbeachtet.

Literarischer Höhepunkt

Dagmar Kassek hat die hier abgedruckten Briefe aus dem Russischen übersetzt, Ranc hat sie gründlich kommentiert. Trotzki war Ende 1927 mit 1500 anderen Linksoppositionellen aus der KPdSU ausgeschlossen, 1928 nach Alma-Ata verbannt und Anfang 1929 zwangsweise in die Türkei abgeschoben worden. In den Jahren 1928-1930 erreichte seine schriftstellerische Produktion ihren Höhepunkt. 1928/29 schrieb er die politische Autobiografie Mein Leben, in den Jahren 1930-1932 dann sein Hauptwerk, die große Geschichte der russischen Revolution von 1917.

Ramm, die (ebenso wie Pfemfert) Trotzki niemals persönlich kennen gelernt hatte und auch keiner trotzkistischen Organisation angehörte, bot dem exilierten Revolutionär im März 1929 ihre Dienste als Übersetzerin an. In den folgenden vier Jahren kam es zwischen beiden zu einer engen Kooperation. Ramm beschaffte für Trotzki nicht nur (mithilfe des "menschewistischen Bücherwurms" Boris Nikolajewski und einiger anderer) die für seine Lebens- und Revolutionsgeschichte erforderliche Literatur aus Berliner und russischen Bibliotheken, sondern verhandelte auch mit dem S. Fischer Verlag, der die Autobiografie und die beiden Bände der Revolutionsgeschichte dann in rascher Folge (1929, 1931 und 1932) herausbrachte.

Wie Leo Sedow, Trotzkis (1938 in Paris von GPU-Agenten ermordeter) Sohn, der damals die politische Arbeit der trotzkistischen Linken Opposition von Berlin aus leitete, hielt Alexandra Ramm den auf der Insel Prinkipo im Marmarameer isolierten Revolutionär über die innenpolitische Entwicklung in Deutschland auf dem Laufenden, was ihm ermöglichte, den Todeskampf der Weimarer Republik, den Aufstieg der Nazis und das Versagen der Arbeiterorganisationen aus der Ferne fortlaufend zu kommentieren.

Seine Analysen der fatalen Entwicklung in Deutschland und seine Prognosen für den Fall eines Sieges der Hitler-Bewegung haben sich als weitaus triftiger erwiesen als diejenigen der meisten zeitgenössischen Beobachter vor Ort. Die Übersetzung der bis heute meistgelesenen Schriften Trotzkis - Mein Leben und Geschichte der russischen Revolution - war das Meisterstück Alexandra Ramm-Pfemferts, und die Briefe, die sie mit dem Autor wechselte, ermöglichen nun erstmals auch einen Einblick in die literarische Werkstatt dieses "Mannes der Feder und des Schwerts". (DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 22./23.1.2005)

Von Helmut Dahmer. Der Autor ist Soziologe und lebt als freier Publizist in Wien.

Julijana Ranc
Alexandra Ramm-Pfemfert. Ein Gegenleben.
€ 45,30/576 Seiten.
Edition Nautilus,
Hamburg 2004.
ISBN 3-89401-446-6

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