Auschwitz und zurück

25. Februar 2005, 18:57
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Er musste aus Wien fliehen und war als US-Soldat an der Befreiung des KZs Dachau beteiligt: Georg Stefan Troller über seine erste Fahrt nach Auschwitz

Am 1. Mai 1945, damals amerikanischer Soldat, war ich unter den Ersten, die das von uns befreite Konzentrationslager Dachau zu Gesicht bekamen. Kälte, Schlamm, herumliegende Leichen in gestreiften Kitteln, aber auch SS-Wachmannschaften, von den Häftlingen ermordet. Sie liegen wirr in alle Richtungen wie ausgestreute Streichhölzer. Die meisten der Insassen sind schon vor unserer Ankunft abtransportiert worden, einige wenige wandern noch verloren umher, mit ihren skelettartigen Beinen steifbeinig wie Holzpuppen. Nah dem Tor eine Reihe offener Güterwagons, darin aufeinander geschichtet Haufen von Leichen mit Totenschädeln, ihre Münder und Augen weit aufgerissen. "Haben einand angefressen", verkündet ein Überlebender, auf ihre Wunden weisend. Es scheint, dass der Zug noch ganz zuletzt hier eintraf, aus dem KZ Groß-Rosen kommend, wohin man vom Lager Auschwitz aus zu Fuß marschiert war, alles ohne Verpflegung natürlich. War es das erste Mal, dass ich den Namen Auschwitz hörte? Oder hatte es doch vielleicht eine kurze Notiz in der Soldatenzeitung Stars and Stripes gegeben, von uns gar nicht richtig wahrgenommen?

Ich wäre nicht der Einzige gewesen, der damals von nichts wusste. Auschwitz war auch den sowjetischen Truppen unbekannt, als sie bei ihrer Winteroffensive 1944 zufällig darauf stießen. Und jedenfalls in seinem Vernichtungspotenzial gar nicht abzuschätzen. Da nur mehr 7000 Insassen vorhanden waren - die Übrigen schon auf ihre "Todesmärsche" geschickt. Auch die Spuren zumeist verwischt: die zwei Gaskammern gesprengt, die fünf Verbrennungsöfen bis auf die Mauern abgetragen (sie sollten in Dachau wieder aufgebaut werden). Auch dass die amerikanischen Bomber, die im August 1944 das dazugehörige Buna-Werk von Monowitz angriffen, nicht gleich die Zufahrtsgeleise zum KZ mitzerstörten (es hätte nicht viel geholfen), hat vielleicht damit zu tun, dass das Lager von oben als solches gar nicht so deutlich zu sehen war, als dass Mittel und Ausmaß der Vernichtung zu erkennen gewesen wären . . . Vier Jahrzehnte später habe ich dann für einen Dokumentarfilm Auschwitz betreten. Hier einige Notizen:

Bahnhof Krakau. Verlange am Schalter für das Team "Auschwitz und zurück", eigentlich ein unmöglicher Satz. In den verkommenen Wagons viel jugendliches Publikum, es wird fröhlich geschmaust. Endlich der Bahnhof Oswiecim. Eine Haltestelle wie jede andere hier, mit ihren kiesbestreuten Bahnsteigen und auch noch Dampfloks, die an die Ferienreisen meiner Kindheit erinnern. Die Jugend tummelt sich freudekreischend herum, endlich ein Schultag ohne Büffelei. Im altmodischen Kiosk zu kaufen: Fremdenführer, Souvenirs, Fahrradwimpel, Anstecknadeln, eine ganze liebevolle Auschwitz-Industrie. Auch Bildpostkarten in Farbe und in Schwarz-Weiß, die Krematorien pittoresk im Sonnenuntergang.

Am folgenden Tag Anmietung eines Dampfzuges, mit dem wir filmgerecht die kurze Strecke zwischen Bahnhof und Lager befahren wollen. Allerdings gehören die Wegerechte an der aufgelassenen Strecke 18 Kleinbauern, die alsbald eine wehrhafte Genossenschaft bilden. Trotz Einsatzes unseres vom Ministerium gestellten Aufpassers (er ist natürlich von uns in Dollars zu bezahlen) dauern die Verhandlungen einen halben Tag. Danach Kriechfahrt durch das meterhohe Gestrüpp, das zwischen den Schwellen hochgeschossen ist: überwachsene Pfade . . . Wir haben uns auf den Vorderpuffern aufgebaut, dahinter die bejahrte Lok samt drei Viehwagons. Beim letzten ist, weiß Gott, die kleine rechteckige Luke unterm Dach noch mit Stacheldraht vernagelt, wie man das aus den zeitgenössischen Fotos der Judentransporte kennt. Also vielleicht ein authentisches Relikt. Das, was anderswo Menschenalter zurückzuliegen scheint, zeigt hier seine wahre Kontinuität.

Dann unter dem Lagertor durch, längs der Selektionsrampe, die sich über Kilometer hinzieht bis zu den fernen Krematorien von Birkenau. Das "Stammlager" besteht aus soliden Steinbauten, ursprünglich - wie Theresienstadt - für eine Garnison bestimmt. Dort Gang zum Haupttor mit der schön geschwungenen Inschrift "Arbeit macht einander frei" (was bedeutet des eigentlich?), unter der Touristen einander fotografieren. Hierauf im Inneren die bekannten mannshohen Sammlungen von Brillen (doch letztlich unverwendbar?), von gebleichten Haaren (40 Pfennig das Kilogramm, lohnte das überhaupt?) und von leeren Koffern: Buchstäblich hunderte von ärmlichen Fiberkoffern mit aufgepinselten Namen, auch ein Wiener "Freud" ist dabei. Dann die Stöße von Kilodosen des Insektenvertilgungsmittels Zyklon-B, von denen ein Dutzend für einige Tausend Menschen ausreichte. 16.952 Kilo sind nachgewiesen, für schätzungsweise eine Million Tote. (Die auf dem Denkmal angegebenen Ziffern sind übertrieben, erst unter Zurechnung der Vernichtungslager Treblinka, Belzec, Sobibor, Chelmno, Majdanek u.a. kommt man auf die heute errechnete Gesamtzahl von 5,1 Millionen Ermordeter.)

Besuch der frühesten Gaskammer, Auschwitz eins, wegen ihres geringen Ausstoßes zuletzt nur mehr als Lagerraum verwendbar, daher unzerstört geblieben. Dann die Erschießungsmauer. Die Stangen, an denen die Gefangenen an den Armen aufgefädelt wurden. Die Böcke, auf denen man sie prügelte, während sie laut mitzuzählen hatten. Die Verliese, in denen sie zur Strafe verhungerten. (Ich muss zugeben, dass ich mich vor diesen Verliesen gedrückt habe. Vielleicht das nächste Mal. Sie laufen mir ja nicht davon.) Verstörend übrigens, mit welchem Eifer hier restauriert wird. Die Holzpritschen durch frische ersetzt, der Stacheldraht erneuert. Was dem Grauen etwas Kulissenhaftes gibt. Auch haben die Polen jeden Kasernenbau des Stammlagers nach einer anderen Nation benannt. Wodurch kaschiert werden soll, dass es sich bei den Opfern zu neuneinhalb Zehntel nicht um christliche Patrioten aus ganz Europa handelte, sondern um Juden. Glücklicherweise ist das benachbarte Birkenau noch nicht zu solcher Museumsreife gediehen, wahrscheinlich aus Geldmangel, und wirkt desto echter. Man zeigt uns (Sondererlaubnis) die Fundamente der ersten experimentellen Gaskammer: ein Bauernhaus, dessen Türen und Fenster versiegelt wurden, danach wurden Abgase eingeführt. Die Hineingestopften starben qualvoll in Anwesenheit Himmlers, der, darob begeistert, die Massenoperationen in Gang setzte.

Unser Begleiter greift jetzt mit bloßer Hand willkürlich in den feuchten Boden, holt unter Graswurzeln menschliche Knochensplitter heraus, die man offenbar nach dem Verbrennen als Dünger ausstreute. Übrigens fällt uns auf, dass wegen der gigantischen Ausmaße des Lagers - vierzig Quadratkilometer - die meisten Besucher sich auf das Kernlager beschränken, und damit viel von dem Horror gar nicht mitbekommen: Eintausend zusammengequetschte Menschenleiber pro Baracke, daneben die endlose Reihe der Klosettlöcher. Wahrscheinlich ohne Wischpapier, da Gedrucktes im Lager verboten war. Dann Besuch der 16 Quarantänebaracken, ursprünglich als Pferdeställe entworfen. Auf Querbalken solche Sprüche wie "Im Block Mützen ab", "Eine Laus dein Tod". Zwei der Baracken sind, wie man uns stolz erklärt, kürzlich für eine amerikanische Filmproduktion neu erstellt worden. Man reißt sie nicht ab, sondern will eher zwei der authentischen beseitigen, um Renovierungskosten zu sparen.

Vom gesprengten Krematorium vier lasse ich ein Stück Backstein mitgehen, warum? Auf welchen verborgenen psychischen Gängen trägt man so Schuld ab? Dagegen bedanken wir uns für die Souvenirs, die man uns zum Kauf anbietet: Blechlöffel, Armbinden, Abzeichen der Judenpolizei. Danach die grauenhafteste Stelle, die es je auf Erden gegeben haben mag. Als für die plötzlich angeordnete Vernichtung von über hunderttausend ungarischer Juden die Krematorien nicht mehr ausreichten, hat man die Vergasten in Gruben übereinander geschichtet und verbrannt. Eigene Kommandos waren dazu abgestellt, das ausfließende Fett abzuschöpfen, und, wie bei einem Gänsebraten, oben wieder aufzugießen. Die komplette Vernichtungszeit für die gesamte ungarische Judenheit soll nicht länger als zwei Wochen betragen haben.

Danach erst fällt mir wieder ein - aber Film geht ja vor -, dass es vielleicht möglich sein müsste, etwas über das Schicksal meiner eigenen Angehörigen zu erfahren. Im Büro weist man darauf hin, dass es Freitag zehn vor drei wäre und dass Freitag um drei das Wochenende beginne. "Aber keine Sorge, in zehn Minuten haben wir alles beisammen." Und tatsächlich, kulanteste Bedienung. Man braucht bloß diverse Vordrucke mit Namen auszufüllen, schon hat man es schwarz auf weiß: Troller Stella, Haushalt . . . Troller Ludwig, Arbeiter . . . Troller Friedrich, Zahntechniker . . . einige andere. Nur Onkel Ernst ist nicht aufzutreiben. Nun ja, er war schon immer ein Eigenbrötler. Oder kann es etwa sein, dass er tatsächlich überlebte? Und uns, da jetzt im Ausland ansässig, bloß nicht aufzufinden weiß? Leere Träume, von wie vielen Angehörigen (wie meiner Tante Hedy) über Jahrzehnte am Leben erhalten . . .

Im Büro erfahren wir auch, dass das Lager bis zuletzt, also bis knapp vor der Evakuierung, noch in Ausdehnung begriffen war. Aber wer sollte da eigentlich, nach der Vernichtung der Juden und Zigeuner Europas, noch hinein? Wer sonst als die gesamte restliche Erdbevölkerung, einschließlich der von Hitler so verachteten Deutschen, seiner nicht würdig? (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 22./23. 1. 2005)

Georg Stefan Troller, geb. 1921 in Wien, floh 1938 in die USA, wurde 1943 amerikanischer Soldat. Der Filmemacher und Autor lebt seit 1949 in Paris. Zuletzt erschien von ihm "Das fidele Grab an der Donau. Mein Wien 1918-1938." Artemis & Winkler Verlag, Düsseldorf 2004
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