"Ausnahmslos neu besetzt"

26. Februar 2005, 15:23
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Nach dem Krieg war kein Platz mehr für die vertriebenen Ärzte

Neben Juristen stechen Historikern vor allem Ärzte als braune Flecken im roten Bund Sozialdemokratischer Akademiker (BSA) ins Auge. Dies hat seine Gründe aber nicht nur in der SPÖ-Organisation selbst, sondern vor allem auch in der österreichischen Ärzteschaft kurz nach 1945. Besonders zwischen den Juristen und Ärzten mit einschlägiger Nazi-Vergangenheit war ein engmaschiges Netzwerk der gegenseitigen Hilfestellung und Vertuschung gespannt. Die in der Öffentlichkeit kaum sichtbaren Fäden, die dieses Gewebe zusammenhielten, nannten sich gerichtlich beeidete Sachverständige.

Das Gros der österreichischen Ärzte vor dem Zweiten Weltkrieg war jüdischer Abstammung. Nach 1945 waren rund zwei Drittel von ihnen nicht mehr im Land – vertrieben oder ermordet. Allein in Wien wurden 3200 von den damals 4900 Ärzten nach dem Anschluss Österreichs an das Dritte Reich 1938 gemäß den Nürnberger Rassegesetzen als Juden betrachtet. Freilich waren bei weitem nicht alle nach dem Krieg noch in Österreich tätigen Ärzte willfährige Handlanger des Nazi-Regimes gewesen. Aber genügend. Und wegen der wirtschaftlich schlechten Situation war es der heimischen Ärzteschaft auch nicht unbedingt ein großes Anliegen, ihre vertriebenen Kollegen wieder nach Hause zu bitten.

Schließlich, argumentierte der damalige Ärztekammerpräsident Alexander Hartwich in etlichen im Ausland aufgelegten Emigrantenzeitungen: „Leitende Stellen sind fast ausnahmslos neu besetzt worden“, „der Wohnungsmangel ist ungeheuer“ und außerdem gebe es in Städten und Provinz „bereits viel zu viele Ärzte.“ Zur gleichen Zeit buhlte der 1946 gegründete BSA um Mitglieder, suchte das damals bescheidene Reservoir sozialistischer Intellektualität organisatorisch zusammenzufassen und, wie es andere Organisationen ebenfalls taten, auch ehemals nationalsozialistische Intellektuelle zu gewinnen und zu neutralisieren. So stand die Mitgliedschaft „allen Akademikern, Künstlern und Intellektuellen“ offen, welche

„der SPÖ oder keiner politischen Partei“ angehörten. Ausdrücklich ausgeschlossen waren und sind Angehörige des ÖCV und anderer katholischer Korporationen, nicht aber Angehörige nationaler und deutschnationaler Studentenverbindungen wie der Burschenschaften, Landsmannschaften, Corps und Sängerschaften. Der BSA erfüllte die ihm zugedachte Aufgabe mit überraschend großem Erfolg.

Die NSGesetze von 1947 verstärkten den Zustrom von Mitgliedern vor allem in den westlichen Bundesländern, wobei man im BSA-Vorstand sehr wohl über die politische Vergangenheit der Neuen informiert war: Schon 1948 waren allein in der Steiermark von 579 BSAMitgliedern 405 Registrierte. Das entspricht 70 Prozent. In Oberösterreich waren von 215 BSA-Mitgliedern 124 oder 58 Prozent ehemalige Nazis, davon 13 Juristen und 70 Ärzte – in diesen Berufsgruppen war die Zahl brauner Flecken besonders hoch. (DER STANDARD, Printausgabe, 22./23.1.2005)

Von Andreas Feiertag
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