(Kreativ-)Klasse statt Masse

21. März 2005, 15:48
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Wenn wir beim Reichtum Platz sechs halten wollen, müssen wir im Kreativranking von Platz 25 wegkommen - Kolumne von Antonella Mei-Pochtler

Kein Tag ohne Umfrage, die uns sagt, wie gut - oder schlecht - die Zukunftschancen, der Reichtum, die Bildung im Land sind: So erfahren wir, dass die Zahl der Millionäre gestiegen ist (ebenso der Anteil der Armen), aber dass wir zu wenig Kreative haben: Auf Platz sechs im Reichtumsranking, liegt Österreich nur auf Platz 25 im "Global Creative-Class Index", der das Verhältnis der kreativ Tätigen zu allen Berufstätigen misst. Spitzenreiter ist Irland, gefolgt von Belgien und Australien. Bemerkenswert auch die Definition von "Kreativklasse": Wissenschaftler, Designer, Künstler und Lehrende zählen dazu - zu recht, denn: "Wie die Welt von morgen aussehen wird, hängt in großem Maße von der Einbildungskraft jener ab, die gerade lesen lernen", formulierte Astrid Lindgren.

Wozu eine Kreativklasse gut ist, lässt sich am Beispiel der USA zeigen: Wachstum und Wohlstand entwickeln sich dort, wo die Kreativen sind, sagt die Studie. Aber: Die USA, einst das gelobte Land der unbegrenzten Möglichkeiten, mutiert, so der Verfasser, immer mehr zu einer Festung, die mangels Austausch und Offenheit kollektiv verdummt: Die ausufernden Sicherheitsmaßnahmen haben binnen Kurzem die Zahl ausländischer Studierender um mehr als ein Drittel sinken lassen. Ein Exodus in die andere Richtung zeichnet sich ab: US-Studenten bewerben sich an europäischen Universitäten - eine große, noch nicht genutzte Chance für Österreich.

1. Kreativklasse - gesucht: Elite ist vor allem eine Frage der Haltung. Gebraucht werden Talente, die nicht nur über eine exzellente Ausbildung und hohe Leistungsbereitschaft verfügen, sondern vor allem Neugierde und Weltoffenheit mitbringen. Um es mit Einstein zu sagen: ". . . Ich habe keine besondere Begabung. Neugier, Besessenheit und sture Ausdauer verbunden mit Selbstkritik haben mich zu meinen Gedanken gebracht."

2. Die Messlatte erhöhen: Der Kampf um die klugen Köpfe wird für die Wirtschaft eines Landes zur Überlebensfrage, sagt Erich Gornik, Forschungschef des ARC, bei der Präsentation der neuesten Ergebnisse. Diese besagen - konträr zu früher -, dass es keineswegs zu einem Forschermangel in Österreich kommen wird. Aber: Der globale Talentpool siedelt sich auf dem ganzen Globus an: der landesspezifische Bedarf ist daher die falsche Betrachtungsebene. Die Frage ist: Wie können wir zum Kompetenzzentrum für bestimmte Talente - z. B. in der Biotechnologie - werden, deren Leistungen wir in globale Wertschöpfungsketten integrieren?

3. Das Ziel rechtfertigt die Mittel: Länder wie Irland, Finnland, Kanada oder Australien investieren gezielt in die Förderung ihrer "Köpfe" und in die Attraktivität für ausländische Talente. Bedingungen werden geschaffen, damit sich asiatische Studenten fachlich, aber auch persönlich "wohl fühlen". Gut so. China und Indien haben mittlerweile durch den Aufbau erstklassiger Universitätssysteme und Top-Professoren aus der ganzen Welt aufgerüstet.

Technologiefirmen wie Infineon ergänzen diese Bemühungen durch spezielle Förderprogramme zusammen mit technischen Unis und Fachhochschulen. Österreich hätte die Chance, sich für Zentral- und Osteuropa als Bildungszentrum zu profilieren, indem man etwa medizinische Netzwerke ausbaut und die Fakultäten vernetzt. Wenn wir beim Reichtum Platz sechs halten wollen, müssen wir im Kreativranking von Platz 25 wegkommen. Die unglückliche Diskussion über die Eliteuniversität bringt uns da nicht weiter. Eine objektive Analyse der Investitionen, vor allem aber der Bedingungen mit der höchsten Hebelwirkung, ist erforderlich. Das Einstein'sche Jubiläumsjahr sollte zum Auftaktjahr für den globalen Kampf um die Kreativklasse werden.

Dr. Antonella Mei-Pochtler ist Senior Partnerin von The Boston Consulting Group (BCG) und Leiterin des Wiener Büros. kolumne.at@bcg.com
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