Der blaue Mantel des Vergessens

16. Februar 2005, 13:38
4 Postings

Lange mussten wir warten, ehe das einst beliebteste Pin-up von "News" wieder eine Chance auf dem Titelblatt erhielt ...

Lange mussten wir warten, ehe das einst beliebteste Pin-up von "NEWS" wieder eine Chance auf dem Titelblatt erhielt. Aber jetzt ist er wieder da, das stahlblaue Führerauge auf den Leser gerichtet, dem gleichzeitig Mitleid abverlangt wird - "So wurde ich von Schüssel und Grasser verraten . . ." - andererseits Grauen aufgedrängt: Haiders Rache - Geheim: Seine neue Partei. Und was bei "NEWS" natürlich nie fehlen darf - Exklusiv: Das Enthüllungsbuch.

Die Qualität dieser Enthüllung entsprach einer anderen auf dem Cover feilgebotenen. Enthüllt: Arabellas neues Opernball-Kleid. Im Blattinneren mutierte die Enthüllung zur Enttäuschung: Arabella Kiesbauer. Zwei Wochen vor dem Opernball fehlt das Kleid. Immerhin: NEWS zeigt die Entwürfe, die zur Wahl stehen. Für Haiders neue Partei gab 's nicht einmal das, aber dafür über neun Seiten.

Nicht nur hinter jedem großen Mann steckt eine ehrgeizige Frau - hinter ihm stehen sogar zwei. "Jetzt kannst du uns nicht einfach im Stich lassen", versuchte Haubner Haider vergangene Woche weichzuklopfen, um ihm sogar wieder die FPÖ-Führung anzubieten. So ist das halt in einer urdemokratischen Partei, da machen sich Geschwister die Parteiführung untereinander aus. Aber Gattin Claudia hat größere Pläne als Schwester Ursula. Sie will ihren "Jörg" in den Augen der Geschichte "rehabilitieren". Dieses Rehabilitationszentrum gibt es noch nicht. Daher soll nicht nur "die ganze Wahrheit über Knittelfeld" und das Platzen der ersten schwarz-blauen Koalition herauskommen, sondern Haider eben auch sein großes Comeback auf der bundespolitischen Bühne vollziehen. Wofür sich "NEWS" schon die besten Plätze sichert, noch ehe halbwegs sicher ist, ob die Schmiere je anheben wird.

Die Zweifel sind jedenfalls groß. Während die Freiheitlichen seit mehr als zwei Jahren in sämtlichen Umfragen stets zwischen sieben und neun Prozent herumdümpeln, will Haider im Besitz von Umfragen sein, die seiner Partei 15 bis 20 Prozent geben. Und doch zweifelt so manch ein FP-Insider, ob sich Haider wirklich den finalen Schritt trauen wird. Bleiben Haider doch die bürgerlichen Salons in Wien heute mehr denn je verschlossen. "Sobald der Jörg das realisiert, stürzt er in eine Krise", glaubt denn auch ein langjähriger Wegbegleiter Haiders.

Deswegen muss man doch nicht gleich an den finalen Schritt denken! Das ist heutzutage kein bürgerlicher Salon in Wien mehr wert, schon gar nicht, wenn einem der spießbürgerliche Villacher Fasching offen steht.

Überhaupt muss man das mit der neuen Partei nicht so ernst nehmen. Im kleinen Kreis macht Haider freilich kein Hehl mehr aus seinem wahren Plänen: Wir haben nur mit einer neuen Partei eine Chance. Was soll ich mit den Stadlers und Straches anfangen? Wir müssen neu starten." Im Interview mit "NEWS" macht Haider dann doch ein Hehl aus seinen wahren Plänen. Wenn aber die Inhalte wieder stimmen, könnte die jetzige Führung die nächste Nationalratswahl gut schlagen. Das ist das Erquickende an den Enthüllungen von "NEWS": Der Leser kennt sich nachher wirklich aus.

Es ist nämlich so: Als wäre er niemals FPÖ-Obmann gewesen, will Haider den Mantel des Vergessens überstreifen und wieder "Haider, die Wahlkampfmaschine", spielen. Den Maschinisten, den er für seine neue Partei gewinnen will, hätte er schon, es ist der alte "Mann fürs Grobe", Gernot Rumpold. Auch will er seine "verlorenen Söhne" Peter Westenthaler und Walter Meischberger wieder zurückgewinnen, um an "alte, glorreiche Zeiten" anknüpfen zu können. Für irgendetwas muss eine neue Partei ja gut sein, soll doch auch Ex-SP-Innenminister Karl Schlögl für das Haider-Politbaby gewonnen werden.

Ob der ihm in den Mantel des Vergessens helfen wird? Die Lederhose des Schweigens würde ihm ohnehin besser anstehen, denn so recht schlau wird man nicht aus den Bekenntnissen eines politischen Untoten. Undank und Verrat, wohin man blickt - Grasser, Riess-Passer, Schüssel: Dem habe ich durch mein Entgegenkommen 2000 den Kanzler überlassen. Ich habe Schüssel aus einer misslichen Situation befreit - und er ist mir zwei Jahre danach in den Rücken gefallen. Aber kleinliche Rache ist nicht seins. Schüssel zu stürzen, will er lieber höheren Mächten überlassen: Nein, will ich nicht. In den ÖVP-Ländern gibt es aber wenig Solidarität mit ihm.

Dementsprechend fällt Jörg Haiders Abrechnung mit Wolfgang Schüssel - "NEWS"-Auszug aus einem 200 Seiten langen Interview mit Alfred Worm - eher so weinerlich aus, wie man es von Führernaturen im Ausgedinge gewohnt ist. Haider über Wolfgang Schüssel: "Koalitionsbruch war die bitterste Erfahrung meines Lebens. Aber irgendwann wird Schüssel die Rechnung für diesen Verrat zu zahlen haben . . ."

Sogar das Geschütz der Moral fährt er gegen ihn auf. Der Killerinstinkt ist aber bei manchen politischen Wesen stärker ausgeprägt als die moralische Pflicht zur Fairness. Das kommt davon, wenn man Schüssel den Kanzler überlässt und ihn dann auch noch im Porsche herumchauffiert. (DER STANDARD; Printausgabe, 22:723.1.2005)

Von Günter Traxler
Share if you care.