"Aviator": Wieder zu wenige Wolken über Hollywood

26. März 2005, 22:06
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"Aviator" mit Leonardo DiCaprio: Oscar-Favorit und dennoch - Einer der schwächeren Filme im bisherigen Gesamtwerk von US-Regisseur Scorsese

Wien - Die schönste Szenenfolge dieses Films, sie erzählt - wie könnte es bei einem Cinephilen wie Martin Scorsese anders sein - über die Diskrepanzen von Sein und Schein. Oder, genauer gesagt: Darüber, wie sich das Kino zu Handlungs- und Zeiträumen verhält. Wie es sie vorher in der Inszenierung quasi zerlegen und verfremden muss, um sie dem Betrachter nachher umso verdichteter, kompakter präsentieren zu können.

1927, in einem Vorführraum in Hollywood: Der junge Millionär, Filmpionier und Flugfanatiker Howard Hughes (Leonardo DiCaprio) ist schockiert darüber, dass Geschwader von Kampfflugzeugen, die er für sein Epos Hell's Angels in aufwändigen Drehmanövern gegeneinandergejagt hat, auf der Leinwand nicht auch nur annähernd so schnell wirken, wie sie tatsächlich waren. Das Problem ist schnell geklärt: Im wolkenlosen Himmel über Kalifornien fehlen Fixpunkte, zu denen das Auge Relationen herstellen und das Ausmaß der Beschleunigung, der Aufstiegs- und Sturzbewegungen wahrnehmen kann.

Dass Howard Hughes daraufhin Meteorologen mit Prognosen für eine "Rettung" durch Wolkenformationen beauftragte, bereichert Aviator um eine von mehreren durchaus heiteren, clever geschriebenen Sequenzen. Insgesamt ist man aber versucht, für Scorseses Film eine ähnliche Problemstellung zu beschreiben: Welche Anhaltspunkte wären zu installieren, um die Rasanz und die Ausgesetztheit von Hughes' Karriere sichtbar werden zu lassen?

Nacherzählungen sowie süffige Beschreibungen diverser Phobien und Tics gibt es ja zur Genüge. Aber es sagt einiges über die Komplexität dieses Stoffes, dass fast alle geplanten Hughes-Verfilmungen nie zustande gekommen sind - sieht man einmal davon ab, dass die besten Spielfilme über amerikanisches Kapital und den damit verbundenen Irrwitz ihr Heil in abstrakter Übersteigerung und Verfremdung gesucht haben.

Man studiere dazu immer wieder den kleinen Kinderschlitten in Orson Welles' Citizen Kane oder vertiefe sich in das seltsam verzweifelte breite Grinsen von Jeff Bridges in Francis Ford Coppolas Tucker. Auch in Martin Scorseses Mobster-Dramen (darunter vor allem GoodFellas) kann man noch ausmachen, wie belastend "unbegrenzte Möglichkeiten" sein können. Aviator hingegen wirkt, auch vor dem Hintergrund solcher Vorläufer, merkwürdig gefällig, unbewegt.

Sicher: Wie Scorsese mitunter physische und psychische Bedrängtheit - Hughes im Blitzlichtgewitter einer Hollywood-Premiere - mit rasanten Schnittfolgen nachvollziehbar macht - darüber kann man durchaus die gewohnten Elogen anstimmen. Und dass in Aviator mittels digitaler Manipulationen historische Farbstimmungen rekonstruiert wurden, dürfte die Experten noch lange beschäftigen.

Oscar-tauglich

Insgesamt bietet die 100 Millionen Dollar teure Produktion aber vor allem jene Finten auf, mit denen heutzutage jedes zweite Bio-Pic (und davon gibt's leider jede Menge) Oscar-Tauglichkeit signalisiert. Gleich zu Beginn etwa: Holzhammer per Fettlinse - Mama Hughes hat den kleinen Howard mit zarter Bestimmtheit in Waschzwang und Virenphobie getrieben. Wenn wiederum Leonardo DiCaprio in weiterer Folge Neurosen, Tics, ja sogar einen "authentischen" Hörschaden ausstellt, als käme er direkt aus einem Hochleistungskurs für Method-Acting, dann wird er in dieser "souveränen" Kaputtheit eigentlich nur noch von Cate Blanchett getoppt. Bei ihrer Darstellung von Katherine Hepburn verbeißt sie sich derart inständig in eine Nachahmung von Akzent und mimischen Manierismen, dass es fast schon an Parodie grenzt.

Fast könnte man vergessen, dass Hepburn durchaus zurecht ein Star war. Was wiederum sie und Hughes miteinander verbunden haben mag? Ja, Scorsese genehmigt dem Liebespaar einen traumhaften (computersimulierten) Nachtflug über L. A. Darüber hinaus lässt er einen aber ziemlich ratlos mit der Frage zurück, was diese Amour fou von anderen Hollywood-Affären unterschieden haben mag. (Obwohl: Darüber, dass der Meister über Beziehungen im Allgemeinen und Frauen im Speziellen nie besonders viel zu erzählen hatte, könnte man lange Analysen schreiben.)

Ein Leben voller Leidenschaften? Ähnlich schematisch verhält sich Aviator auf der Ebene der anderen Passionen seines Helden. Auch hier ein Vergleich: Wenn James Cameron einen Film über U-Boot-Konstrukteure macht, dann wird man als Betrachter über klug beobachtete und inszenierte Details irgendwann einmal förmlich infiziert von einer Besessenheit für Maschinerien und Systeme. Hier hingegen sehen wir einem Mann zu, der Millionen in immer größere, schnellere Flugzeuge investiert - nur weil er gerne mattpolierte, phallisch geformte Metalloberflächen streichelt? Mehr fällt Scorsese und DiCaprio dazu nämlich nicht ein.

Und so rast der Film dahin, 175 Minuten lang: Ein bisschen opulent, ein bisschen virtuos, ein bisschen wahnwitzig. Na klar, wenn Hughes einen Nachtclub wie den "Cocoanut Grove" betritt, dann kocht die Stimmung über, und Jude Law spielt zwei Minuten lang Erroll Flynn - aber erzählt uns das ganze Haarteil- und Kostümtheater tatsächlich mehr als die abgedroschene Phrase, dass man mit viel Geld viel Wirbel erzeugen kann?

Orson Welles verlegte sich bei Citizen Kane weniger darauf, ein Leben "lebensecht" zu beschreiben, als vielmehr Einstellungen zu finden, in denen sich (Lebens-)Einstellungen und Reibungsflächen ablesen lassen und zugleich mehrdeutig bleiben. Aviator ist im Vergleich dazu und auch zu Scorseses früheren düsteren Epen eine gefällige Hochglanzbiografie - ein Bild ewiger Größe vor wolkenlosem Himmel. Gut möglich, dass die Oscar-Juroren gerade das honorieren. (DER STANDARD, Printausgabe, 22./23.01.2005)

Von
Claus Philipp

Nachlese

Interview mit Leonardo DiCaprio:
'Ein Teufelskerl als Angstbündel'

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movie.de/aviator
theaviatormovie.com
  • Ein junger Haudegen als Medienstar: Leonardo DiCaprio als Howard Hughes in Martin Scorseses "Aviator".
    foto: buena vista

    Ein junger Haudegen als Medienstar: Leonardo DiCaprio als Howard Hughes in Martin Scorseses "Aviator".

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