Die Phantomreaktoren

11. Februar 2005, 17:05
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Berlusconis Ankündigung über eine mögliche Rückkehr zur Atomenergie hat die Italiener wenig aufgeregt - Von Gerhard Mumelter

Berlusconis Ankündigung über eine mögliche Rückkehr des Landes zur Atomenergie hat die Italiener - anders als dies in Österreich der Fall wäre - in keine große Aufregung versetzt. Und dafür gibt es einleuchtende Gründe. Die Italiener wissen mittlerweile, was sie von Berlusconis Ankündigungen zu halten haben. Ein beredtes Beispiel dafür war die von der Regierung ultimativ angekündigte Atommülldeponie in Scanzano am Ionischen Meer. Über Wochen blockierten die Bewohner der süditalienischen Gemeinde den Zug- und Straßenverkehr und inszenierten unter der Führung ihres Pfarrers Don Filippo Lombardi eine regelrechte Revolte, bis die Regierung im November 2003 entnervt aufgab.

Der Bau eines Atomkraftwerks würde in der davon betroffenen Region ein gewaltiges Protestpotenzial bewegen - und nach Schätzungen mindestens 15 Jahre dauern. Denn Großbauten haben in Italien eine eigene Geschichte. Kaum ist der Zuschlag erteilt, wird die Entscheidung von den unterlegenen Unternehmen angefochten, und das Verwaltungsgericht stellt den Bau ein. Endlose Prozesse sind die Folge. So dauerte die Umrüstung des im Bau befindlichen Atomkraftwerks von Montalto di Castro nördlich von Rom zwölf Jahre und verschlang gigantische Summen. Das Fenice-Theater in Venedig wurde nach endlosem Rechtsstreit fünf Jahre nach dem geplanten Termin wieder eröffnet.

Die Autobahn Messina-Palermo ist seit mehr als 30 Jahren im Bau - und erst einspurig befahrbar. Dennoch wurde sie von Berlusconi vor Weihnachten publikumswirksam ihrer Bestimmung übergeben. Man weiß ja nie: Zu Baubeginn der von ihm versprochenen Brücke über die Meerenge von Messina könnte der Premier längst nicht mehr im Amt sein. Und die Idee mit den Reaktoren begraben. (DER STANDARD, Printausgabe, 22./23.1.2005)

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