Freizeitforscher Zellmann: "Events ohne Ecken und Kanten sind zu vergessen"

4. Februar 2005, 11:20
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Peter Zellmann vermisst in Österreich großteils eine klare Ausrichtung der immer wichtiger werdenden Events

STANDARD: Ohne Inszenierung geht im Tourismus fast nichts mehr. Warum?

Zellmann: Weil die Menschen erlebnisgeil geworden sind. Das hat mit dem Ende des Industriezeitalters und neuen Lebensstilen zu tun.

STANDARD: Man will nicht nur das Leben abarbeiten . . .

Zellmann: . . . sondern jeden Tag spannend gestalten. Und da spielen auch Events eine zunehmend wichtigere Rolle. Erlebe dein Leben ist der Imperativ des Dienstleistungszeitalters.

STANDARD: Sind Freizeitinszenierungen auch die Antwort auf schwache Bettenauslastung?

Zellmann: Nicht automatisch. Es geht immer auch um Authentizität. Wenn die fehlt, kommen die Leute kein zweites Mal.

STANDARD: Was sind die häufigsten Fehler?

Zellmann: Dass die meisten Eventmanager glauben, es allen recht machen zu müssen. Tatsächlich sollte man sich aber durchringen und sagen: Das ist meine Zielgruppe, für die mach ich was, und das konsequent. Events ohne Ecken und Kanten sind zu vergessen.

STANDARD: Weihnachtsmärkte von Wien bis Bregenz, das Hahnenkammrennen in Kitzbühel oder Rockkonzerte auf der Idalp in Ischgl: Ist das die Zukunft?

Zellmann: Ein Thema sollte im Vordergrund stehen. Und dann muss das Drumherum stimmen. Ein Positivbeispiel ist der Weihnachtsmarkt am Rathausplatz in Wien. Der hat sich von einer wenig inspirierten Ansammlung von Marktstandln zu einer durchdachten Komposition entwickelt. Plötzlich gelingt es, Weihnachtsstimmung zu vermitteln, auch wenn kein Schnee liegt. Das ist die Kunst, so etwas hat Zukunft. Tourismus-Hotspots wie Kitzbühel oder Ischgl, die für etwas Unverwechselbares stehen, tun sich leichter. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 22./23.1.2005)

Zur Person:

Peter Zellmann (57) ist wissenschaftlicher Leiter des Ludwig-Boltzmann-Instituts für Freizeit- und Tourismusforschung in Wien.

Das Gespräch führte Günther Strobl
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