Rütteln am Selbstbild der SPÖ

26. Februar 2005, 15:24
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BSA-Chef Einem verteidigt Aufzeigen der braunen Flecken: Mut zur historischen Wahrheit

Wien– "Mit heutigem Stand sind das die einzigen Austritte." Caspar Einem, Chef des Bundes Sozialdemokratischer Akademiker (BSA), will die Reaktion von Leopold Gratz und Siegfried Sellitsch auf die Dokumentation der "braunen Flecken" in der SPÖ nicht überbewerten.

Offiziell habe Gratz nur in zwei dürren Zeilen seinen Austritt mitgeteilt. Inoffiziell ärgerte sich Gratz, dass sein Vorgänger als BSA-Präsident, Karl Waldbrunner, als Nazi- Freund dargestellt werde. Der langjährige Generaldirektor der Wiener Städtischen Versicherung Sellitsch habe dagegen seinen Unmut konkreter ausgedrückt, so Einem: "Er meint, dass es in einem Jahr, wo die ÖVP sich vom Abschütteln des Nationalsozialismus über den Staatsvertrag bis heute alles Positive auf ihre Fahnen heften wird, sehr blöde sei, sich mit braunen Flecken zu besudeln."

Für Einem ist es "ganz offensichtlich, dass dieses Thema noch immer starke Emotionen auslöst". Es gehe auch um die Frage, ob man Menschen, die man sehr schätze, "auch mit ihren dunklen Seiten zur Kenntnis nimmt". Er, Einem, habe diese schmerzliche Erfahrung persönlich mit dem seinerzeitigen Justizminister Christian Broda gemacht: "Ich habe mich schon damals gefragt, warum er sich schützend vor Leute stellt, die man eigentlich nicht schützen kann." Vielleicht liege ein Grund in einem kollektiven Trauma: "Wir sehen uns, die SPÖ, als eine antifaschistische Bewegung. Die Form der pragmatischen Bewältigung des Nachkriegsdramas – beispielsweise die Integration einzelner Exponenten der NS-Ära – rüttelt natürlich an diesem Selbstbild." Für das Überleben einer sich als politisch verstehenden Organisation sei der "Mut zur historischen Wahrheit" allerdings unverzichtbar, betont Einem.

Elisabeth Pittermann, Tochter des ehemaligen SP-Vorsitzenden Bruno Pittermann, will das differenzierter sehen: "Ich glaube, man hätte mit den Angehörigen mehr kommunizieren müssen, mit denen, die die Zeit erlebt haben. Es lebt ja noch die Tochter vom Waldbrunner, und den als Nazi- Förderer darzustellen – das wird seiner großen historischen Rolle nicht gerecht. Einen Günter Haiden, der 1944 mit 18 Jahren der NSDAP beigetreten ist, als großen Nazi darzustellen, ist absurd: Er war 1938 bei der Machtübernahme zwölf Jahre alt."

Pittermann hätte sich mehr Gespür für solche Facetten gewünscht: "Hätte das noch ein Herbert Steiner (Gründer des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstandes, Anm.) gemacht, der selbst noch im Widerstand war, er hätte das sicher anders beurteilt." Dass ihr Vater als "Nazi- Freund" dargestellt werde, ist für Pittermann nicht nachvollziehbar: "Er hat sie leben lassen. Weil er gesagt hat: Nie Frieden zu schließen ist auch Wahnsinn." Auch hätte man in der Darstellung "auf das‑ 34er-Jahr und das Misstrauen der Sozialdemokraten gegenüber den Christlichsozialen eingehen sollen, das fast so groß war wie das gegenüber den Nazis". (DER STANDARD, Printausgabe, 22./23.1.2005)

Von Samo Kobenter
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