"Es ist nicht das Ende"

4. März 2005, 11:56
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Die Anarchistische Buchhandlung in der Hahngasse schließt aus wirtschaftlichen Gründen ihre Tore und bietet ihr Sortiment zu Spottpreisen feil.

"Scheiße", entfährt es dem Kunden, als ihm Georg erzählt, dass die Buchhandlung geschlossen wird. "Warum?", ungläubig blickt er sich in dem kleinen Raum um und hat die Antwort auch schon selbst gefunden. "Das Geld, hmm." "Ja, ja, in letzter Zeit läuft der Laden nicht mehr so richtig". Der Laden ist die Anarchistische Buchhandlung in der Hahngasse, der seit 1979 den literarschen Bedarf von Anarchisten, Freidenkern und anderen Interessierten deckt. Mit der Buchhandlung schließt die einzige ihrer Art in Wien.

Internet sticht Bücher aus

Warum der "Laden nicht mehr so richtig läuft" kann sich Georg, einer der Betreiber, nur notdürftig erklären: "Ich glaube, dass prinzipiell die Nachfrage nach theoretischen Büchern sinkt, viel kann man sich mittlerweile aus dem Internet herunterladen." Seit längerer Zeit läuft die Buchhandlung nur noch im Notbetrieb, die durchwegs ehrenamtlichen MitarbeiterInnen beugten sich letzendlich der wirtschaftlichen Pragmatik.

Ultimativer Ansturm

Aktuell ist allerdings wieder mehr los in der Hahngasse 15, wo der Betreiberverein "Revolutionsbräuhof" in den letzten zwanzig Jahren seine Diskussionen und Veranstaltungen abgehalten hat. Denn die Bücher und Schriften werden vor Geschäftsauflösung am 28. Februar günstigst an die Kundschaft abgegeben. Um bis zu Achzig Prozent ermäßigt gehen Klassiker wie unbekanntere Werke aus Utopie, Politik, Philosophie, Linguistik, Religionskritik oder Feminismus über den Ladentisch.

Von Adorno bis Zahl

Zu den Klassikern gehören da auch Bücher wie "Einführung in die Anarchie" oder "Die Eroberung des Brotes" von Peter Kropotkin, von denen sich noch einige wenige Stücke in den Regalen tummeln. "Andere beliebte Autoren wie Alexander Berkmann sind schon weg, mittlerweile sind es Zufallsgriffe, wenn man genau das findet, was man sucht." 50 Prozent vom Sortiment wartet allerdings noch auf den BesitzerInnenwechsel, vieles aus dem Partnerverlag "Monte Verita", der auch weiterhin veröffentlicht.

Missverständnisse und Konflikte

An was sich Georg am liebsten erinnert? An unzählige Diskussionen, in denen er klarmachen konnte, dass es ihm um den alternativen Denkansatz geht und dass ihre kleine Buchhandlung keine Brutstätte des linken Terrorismus darstellt. "Was gewisse Kleinformate immer gerne so hingestellt haben." So erinnert sich Georg an einen Artikel, der ihnen Agitationsmaterial, das zum politischen Attentat aufruft, unterjubelte. "Lächerlich." Leicht wehmütig betrachtet er das authentische "Agitationsmaterial". Sprüche wie "Entenzucht statt Abfangjäger", "Patrioten sind Idioten", oder das klassische "Arbeit schändet" prangen an den Wänden der Buchhandlung. "Aber das ist nicht das Ende", meint Georg und drückt dem Kunden zwei Zeitschriften und einige Flyer in die Hand. "Nur die Buchhandlung gibt es bald nicht mehr." (mhe)

Anarchistische Buchhandlung,
Hahngasse 15,
Tel. 01 3107693,
Mo bis Di: 10 bis 14 Uhr,
Mo bis Fr: 15.30 bis 19 Uhr.
Ausverkauf bis 28. Februar
  • Artikelbild
    foto: derstandard.at/honsig
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