Planlose Stadtentwicklung

14. Februar 2005, 15:46
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Jens Dangschat, Stadt­­soziologe in Wien, im derStandard.at- Interview über das Fehlen von diskursiver Auseinandersetzung zum Thema Stadtplanung

In seiner Funktion als Vorstand des Instituts der Soziologie für Raumplanung und Architektur (ISRA) arbeitet Jens Dangschat im Bereich der Stadtentwicklung und -planung und beschäftigt sich mit Fragen der sozialen Konstruktion des Raumes. Im derStandard.at Interview verweist er auf Vorzüge und Versäumnisse der Stadtverwaltung.

derStandard.at: Die Stadt verändert ihr Gesicht: an der Peripherie entstanden Büro- und Wohnhauskomplexe, gegenwärtig laufen umfangreiche Bauarbeiten um die Bahnhöfe, die nun durch Mittel der Bahnhofsoffensive umgestaltet werden. Diese markieren zugleich Punkte der Stadt, an denen Obdachlosigkeit sichtbar wird.

Jens Dangschat: Ein wichtiger und spannender Ort ist der Westbahnhof. Der davor liegende Europaplatz ist in vieler Hinsicht ein sozialer Ort, eben auch ein Treffpunkt für Obdachlose und andere Marginalisierte. Durch den geplanten Umbau werden diese Personen vertrieben, doch wer übernimmt die Verantwortung dafür? Die dort etablierte Bahnhofsmission wurde bereits verlegt, obgleich deren MitarbeiterInnen ein erster Anlaufpunkt für unterschiedliche Betroffene waren. In dieser Gegend haben wir einen Red Light District, hier leben auch viele MigrantInnen, der Bahnhof liegt direkt am lärmintensiven Gürtel. Hier wäre im Zuge des Umbaus und der Erweiterung die Gelegenheit einer sinnvollen Public Privat Partnership gegeben: ÖBB, Bezirk, Stadtverwaltung und die Caritas sollten mit niederschwelligen Angeboten Verantwortung übernehmen.

Ähnlich zeigt sich die Situation am Praterstern, oder am Karlsplatz, auch diese Orte sollen großzügig umgestaltet werden. Gleich anschließend an den Westbahnhof beklagen EinzelhändlerInnen Umsatzeinbußen. Wir sprechen hier von sozialen Unterschieden, die einer kommunikativen Lösung bedürfen. Der Druck wird größer und ich bevorzuge kooperative soziale Modelle und nicht den Weg der Repression durch technische oder personelle Überwachung.

derStandard.at: Welche Daten über Wohnungs- oder Büroleerstand stehen ihnen zur Verfügung?

Jens Dangschat: Wohnraum steht in großem Ausmaß leer, wir haben aber keine konkreten Statistiken, da das Meldewesen natürlich umgangen werden kann und wird. Dass auch Gemeindewohnungen quasi vererbt werden können erschwert den Zugang für die eigentliche Zielgruppe.
Der Büroleerstand, der vielfach kritisiert wird, unterliegt zyklischen Schwankungen. In Wien haben wir derzeit etwa fünf oder sechs Prozent Leerstand, Frankfurt hat dagegen fünfzehn. Klar ist aber, dass die Bürowirtschaft ganz andere steuerlichen Vergünstigungen bietet als die Bereitstellung von Wohnraum. Leerstände wirken hier steuersenkend, aber auch für Städte attraktiv, weil die Preise sinken und die Nachfrage gesteigert wird.

derStandard.at: Eine weitere große Bahnfläche, die seit Jahren erwähnt wird, ist das Nordbahnhofgelände. Welche Konzepte liegen dafür vor?

Jens Dangschat: Es gibt seit etwa fünfzehn Jahren ein Entwicklungskonzept, das nicht modifiziert wurde, da ÖBB und Stadtverwaltung sich in einer Pattsituation blockieren. Die ÖBB verfügt über weitere große Flächen, darunter am Süd- und Ostbahnhof, am Frachtenbahnhof Nord-West und im Erdberger Mais. Es fehlt ein umfassendes Konzept der Entwicklung dieser Flächen in den nächsten zwanzig bis fünfundzwanzig Jahren. Wir befinden uns – letztlich auch aufgrund der EU-Ausdehnung - in einer zweiten Gründerzeit, denn neben den Bahnflächen stehen weitere Flächen zur Verfügung (Flugfeld Aspern, Arsenal etc.), doch es ist weder auf Seiten der Stadt oder der ÖBB eine Entwicklungsstrategie erkennbar.

derStandard.at: Gentrification als ein Phänomen ökonomischer Aufwertung und sozialer Verdrängung wird vielerorts diskutiert. Welche Merkmale können sie davon in Wien feststellen?

Jens Dangschat: Es gibt kleinräumig Beispiele dafür, etwa das Freihausviertel, Teile des neunten Bezirks auch um die Gürtelbögen oder in Ottakring. Es sieht allerdings in Wien aufgrund der immer noch bestehenden starken Mietrechtregelungen etwas anders aus, als wir das von anderen Großstädten kennen, das Phänomen läuft zumindest im Wohnungsbereich verzögert.

derStandard.at: Meist laufen zwei Prozesse parallel, einerseits sozialer Ausschluss, die Verdrängung herkömmlicher BewohnerInnen eines Grätzels und andererseits entstehen neue urbane Nutzungen, die auch politökonomisch unterstützt werden, etwa unter dem Label „Creative Industries“.

Jens Dangschat: Ein Indikator für diese Entwicklung sind die zunehmenden Einkommensunterschiede gerade auch im Dienstleistungsbereich. Die Differenz zwischen den höchsten und den niedrigsten Einkommen wächst: Es gibt die sog. working poor, die zwei, drei Jobs brauchen, darunter gerade auch MigrantInnen und es gibt Personen z.B. in Kreativberufen, die sehr viel verdienen und dieses Geld dann auch wertschöpfend anlegen. Dadurch kommt es eben auch zu einer verstärkten Segregation, Armuts- und Reichtumsgebiete entstehen. Daneben passiert eine kulturelle Umwertung bestimmter Viertel; neue Lebensstile werden sichtbar. Einerseits können wir Zeichen der Verelendung erkennen, eine Zunahme an Kriminalität, Prostitution und Drogenhandel, diese Phänomene gehen mit Armut einher. Andererseits ziehen sich Besserverdienende zunehmend zurück, ein kulturelles Bedürfnis unter sich zu sein wird ausgelebt. Sie besetzen ruhigere Wohngegenden, wo ihr Bedürfnis nach Sicherheit und sozialer Konformität Gestalt annimmt.

derStandard.at: Welche politischen Entscheidungen trifft hier die Stadtverwaltung?

Jens Dangschat: Wien verfügt aufgrund historischer Verdienste aus den 20er Jahren über sehr viel Wohnraum. Der Stolz auf diese Politik zeigt sich auch an den Tafeln, die an den Gemeindebauten angebracht werden und auf den amtierenden Bürgermeister verweisen. Doch die politische Entscheidung, die Standorte dieser Bauten so zu wählen, dass sie auch als Antisegregationsinstrument wirken, war sehr zielführend, ein Paradebeispiel bildet der Karl Marx Hof.
Das gegenwärtige Förderungssystem im Wohnbau ist vielfach von Bundesentscheidungen anhängig, etwa in der bedeutenden Frage des Mietrechts. Wien könnte dagegen arbeiten, doch weitgehend dominant ist eine Förderorientierung, die an der Mittelschichtsgrenze ansetzt. Unterstützt werden jene Gruppen, die auch gebraucht werden, das beginnt am Einkommen von KrankenpflegerInnen und Polizeibeamten, die bereits erwähnten working poor werden etwa durch Genossenschaftsmodelle nicht erreicht. Daneben wird der Einstieg in Privateigentum gefördert.

derStandard.at: In diesen Komplex fällt auch die Frage der Integration von MigrantInnen.

Jens Dangschat: Hier hat die Stadt eine eigenartige Haltung, die jedoch letztlich die Haltung Österreichs insgesamt widerspiegelt. Man achtet vor allem auf sich und die Landeskinder, dann – manchmal notgedrungen, wie aktuell die Öffnungs-Klausel der Hochschulen zeigt – auch auf EU-BürgerInnen. Die anderen dürfen, wenn sie sich als „gute Österreicher“ zeigen, auch hier bleiben. Die ZuwanderInnen leben in Wien unter extrem schlechten Wohnbedingungen, zu hohen Anteilen in Kategorie D-Wohnungen und räumlich stark konzentriert. Es kommt sehr darauf an, dem Begriff des ‚diversity management’ – der sozial-räumlichen Organisation gesellschaftlicher Vielfalt – eine höhere politische, administrative und planerische Bedeutung zu geben.

derStandard.at: Sie haben lange Zeit in Hamburg gelebt, was fehlt ihnen in Wien?

Jens Dangschat: Mir fehlt ein diskursiver Raum für urbane Auseinandersetzungen. Wiens Stärke ist das Windschattensegeln und das Eigenlob – damit war die Stadt lange Zeit sehr erfolgreich. In der neuen Städtekonkurrenz im Dreieck Budapest, Prag, Wien bedarf es jedoch einer Neuorientierung und vor allem (selbst)kritischer Überlegungen. Die lange wirksame höfische Struktur erklärt zwar vieles in dieser Stadt, doch sie blockiert auch den kritischen Diskurs, das Nachdenken und das Erproben herausfordernder Konzepte.

Das Gespräch führte Heide Hammer.

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ISRA
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    Jens Dangschat
    Prof. für Siedlungssoziolgoie und Demographie an der TU Wien

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