Im Heucheljahr

11. Februar 2005, 17:05
23 Postings

Jetzt fehlt nur noch, dass die Kärntner VP geschlossen der "Österreichischen Widerstandsbewegung" beitritt - Kolumne von Günter Traxler

Unbeschadet seiner Funktion als Präsident des Nationalrates ist Andreas Khol, wenn es um die Volkspartei geht, so etwas wie ein Steher - Objektivität hin, Objektivität her. Er hat das gelegentlich schon als Sitzungsleiter erkennen lassen - "schöne Rede, Karl-Heinz" -, und wenn er nicht gerade im Fleische präsidiert, bringt er seine Maxime "Right or righter - my party" völlig ungeniert zum Ausdruck. Diese Woche hat er es schon wieder getan.

Dass nicht nur die SPÖ nach 1945 Nationalsozialisten hofierte, protegierte und in ihre Reihen holte, sondern die ÖVP desgleichen tat, dass beide Parteien 1949, als ehemalige NSdAP-Mitglieder wieder wählen durften, mit gleichem Elan um deren Stimmen buhlten und dass sie in unschöner Eintracht die Wiedergutmachung an Naziopfern hintertrieben, wo es nur ging, wurde ihm an dieser Stelle erst am Wochenende in Erinnerung gerufen. Was aber nicht mehr bewirkte, als dass er dieselbe sofort wieder verdrängte.

Spät und nicht zur allgemeinen Freude der Genossen hat Alfred Gusenbauer eine wissenschaftliche Aufarbeitung der braunen Flecken im BSA in Auftrag gegeben, und dieser Tage wurde sie vorgelegt. Von den Salzburger Nachrichten gefragt, ob die ÖVP einen ähnlichen Schritt plane, genierte sich der parlamentarische Protektor der Koalition mit der Haider-FPÖ nicht, zu behaupten: "Die ÖVP hat ihr kritisches Verhältnis zum Nationalsozialismus immer unter Beweis gestellt. . . Die ÖVP ist also in dieser Frage in einer ganz anderen Situation: Diejenigen, die unsere Partei gegründet haben, kamen alle aus dem KZ und aus dem Widerstand."

Das ist knapp, aber gekonnt, am Thema vorbei, denn genau darin ist die ÖVP keineswegs in einer anderen Situation - beziehungsweise in einer ganz anderen: Wurde doch die SPÖ von Personen wieder gegründet, die nicht erst auf den Einmarsch Hitlers warten mussten, sondern schon unter den Säulenheiligen der heutigen Volkspartei, Engelbert Dollfuß und Kurt Schuschnigg, im Gefängnis, im Anhaltelager und im Widerstand gegen deren Diktatur waren.

Zum Beweis für das "immer kritische Verhältnis der ÖVP zum Nationalsozialismus" erinnerte Khol in den SN "nur an Kärnten, wo der Brückenschlag zwischen den ehemaligen Parteigenossen und der Sozialdemokratie gelungen ist, während die ÖVP dort auf ihren Kernbestand reduziert wurde, weil sie dieses ,Aggiornamento' mit den früheren Nationalsozialisten nicht gemacht hat."

Jetzt fehlt nur noch, dass die Kärntner VP geschlossen der "Österreichischen Widerstandsbewegung" beitritt. Dass sie ihre antinazistische Begeisterung mit der Reduktion auf ihren Kernbestand bezahlen musste, ist freilich bitter - einen anderen Grund dafür kann es ja nicht geben. Jedenfalls unterscheidet sie sich krass von der Bundes-ÖVP, die mit einem solchen Aggiornamento kein Problem hatte, und das, obwohl Wolfgang Schüssel ein solches zuvor sogar ausgeschlossen hatte. Für einen ehemaligen Parteigenossen ist Jörg Haider zwar noch zu jung, nicht aber dafür, solche auf dem Ulrichsberg alle Jahre wieder anzuhimmeln. Ein Vertreter der Kärntner ÖVP ist da natürlich nie dabei.

Die SPÖ hat mit der BSA-Studie sehr spät, aber endlich doch und rechtzeitig zum Jubiläumsjahr einen kleinen Beitrag zum Abbau der Halde an nationaler Heuchelei geleistet, wobei es weniger um Wahrheit im Ganzen ging als um Klarheit im Detail. Denn dass der BSA vielen alten Nazis Unterschlupf geboten hat, war nie ein Geheimnis.

Die ÖVP hat sich dafür entschieden, mit dem Leugnen und Verdrängen fortzufahren. Alles andere käme für das Gedankenjahr auch zu spät, müsste sie vor der Beschäftigung mit ihren braunen Flecken doch zunächst mit der Aufarbeitung ihrer eigenen faschistischen Vergangenheit beginnen. (DER STANDARD, Printausgabe, 21.1.2005)

  • Artikelbild
    foto: cremer
Share if you care.