Gerhard Roth: "Ich existiere nur in der Literatur!"

7. Februar 2005, 20:05
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Der Autor schildert in seinem neuen Roman eine Homer abgeschaute Irrfahrt durch die verschwiegenen Räume des Wahns

Im Gespräch mit Claus Philipp und Ronald Pohl erläutert Roth die Aufhebung der Wirklichkeit in der Literatur.

Wien – Mit dem umfangreichen Roman Das Labyrinth entwirft Autor Gerhard Roth rechtzeitig zum Ausbrechen der republikanischen Gedenkfeiern ein Pandämonium des Wahns: Die Geschichte eines Brandlegers wechselt mit ausführlichen Exkursen zur Welt-, Kunst- und Zeitgeschichte.

STANDARD: Ihr Roman "Das Labyrinth" bildet ein ausgeklügeltes System voller Verweise: Zum einen wird auf andere Romane des Zyklus "Orkus" Bezug genommen, andererseits wechseln die Erzählerfiguren einander ab und produzieren Echowirkungen. Übrig bleiben Bilder, die für sich bestehen können: etwa der Hofburgbrand 1992, als die Redoutensäle in Flammen aufgingen. Was bedeutet das Bild des Brandes? Eine Metapher für den Umgang mit Geschichte?

Roth: Es gibt einen Hinweis: Der Psychiater Pollanzy besucht mit seinem Patienten Philipp Stourzh, den er der Brandlegung in der Hofburg verdächtigt, Kafkas Sterbehaus in Kierling. Und Stourzh macht Pollanzy auf etwas aufmerksam: Da gibt es die Hofburgwelt – als mächtiges Relikt und als Vortäuschung der Vergangenheit. Hier dagegen ist die Kafka-Welt, als die Geisteswelt, die weiter bestehen bleibt. Die Spuren mögen verlöschen, aber Kafkas Welt existiert weiter. Kurz: Der Brand illustriert den Hass von Stourzh auf die Form, wie Geschichte berichtet wird.

Die Urgroßmutter des Täters Stourzh war Kindermädchen bei Kaiser Karl, dem letzten regierenden Habsburger. Ihre historische Überlieferung gibt es aber nicht: Sie folgt der Kaiserfamilie ins Exil nach Madeira, aber ihr Name wird verstümmelt wiedergegeben, ihre Existenz ausgelöscht. Sie hat kein Gesicht, auf den Fotos sieht man höchstens ihre Bluse am Bildrand aufscheinen. Dem gegenüber steht das Habsburgerimperium als Riesenruine, die etwas Märchenhaftes ausstrahlt. Gegen diese Art von Überlieferung hat Stourzh – so vermute ich – den Brand gelegt.

STANDARD: Das vermuten Sie?

Roth: Ich bin nicht Stourzh. Ich kann nur referieren, was die Figur vielleicht überlegt.

STANDARD: Sie gestehen Ihren Figuren Autonomie zu?

Roth: In diesem Buch verwandle ich mich selbst in eine literarische Figur: Ich bin aber nicht ich – ich behandle mich nur so. Ich habe mein Aussehen, ein bestimmtes Verhalten und ein paar Dinge, die ich von mir weiß, beschrieben. Ich behandle mich aber wie eine erfundene Figur und genieße dadurch eine gewisse Freiheit. Ich kann nur im Buch die Figur sein, wie ich sie beschreibe – und existiere nicht außerhalb der Literatur auf diese Weise.

STANDARD: Überblickt man Ihren auf sieben Bände angelegten Zyklus "Orkus", so erfüllten einzelne Teile – "Der See" etwa – zu Beginn immer wieder die Ansprüche von Genres: beispielsweise des Thrillers. Allmählich beginnen die Bücher aber Material anzuziehen.

Roth: Der ganze Zyklus geht zurück auf die Odyssee. Im Grunde ist jedes Buch für sich eine einzelne Episode aus Homers Epos. Im Labyrinth entspricht die Figur des Psychiaters Pollanzy dem Riesen Polyphem: Er trägt eine Augenklappe, später wird ihm auch das zweite Auge ausgestochen. Die Geisteskranken bewohnen die Höhle, in der er "die Mannschaft des Odysseus" gefangen hält – sie, als seine Patienten, aussaugt. Es gibt daneben noch die Verweise auf den Minotaurus und das Labyrinth – auf Madrid, wo der Gugginger Künstler Franz Lindner, eine Hauptfigur aus dem Landläufigen Tod, wieder strandet, also wie ein musikalisches Motiv wiederkehrt. Man kann die Episoden auch einzeln erzählen, weil jede für sich selbstständig bestehen kann.

Ich bereite nun die "Nostos", die Heimkehr, vor: Im letzten Teil erzählt Odysseus ja am Königshaus von sich. Deshalb führe ich auch die Figur des Schriftstellers ein – die bereits in Der Strom vorkam, als Übersetzer. Im Strom blieben, wenn Sie sich erinnern, zwei Kapitel leer. Die trage ich nun im letzten Teil – Die Stadt – nach. Sie sehen: Es handelt sich um ein Spiel.

STANDARD: Sie schicken ja auch die Habsburger auf Reisen. Sie präsentieren einen ausführlichen Exkurs über Kaiser Karl, der daran scheitert, seine königliche Macht in Ungarn zu restaurieren. Sie erzählen von Madeira und Karls frühem Tod. Lassen wir die Frage der Seligsprechung einmal beiseite: Nun eignet dem armen Karl so gar nichts Heldisches. Das liegt doch seemeilenweit von Odysseus entfernt, oder?

Roth: Es kommt ja auch Philipp II. in Madrid vor, die spanische Habsburgerlinie. Ich war ganz einfach auf der Suche nach einem Habsburger, der nicht so bekannt ist. Zum Zeitpunkt der Abfassung hatte kaum ein Österreicher eine Ahnung, wer dieser Karl überhaupt war. Mit Franz Joseph endete für die meisten die Monarchie. Zita war bekannter als ihr Mann! Als entscheidendes Kriterium fiel mir auf, dass Karl im Geiste des Gottesgnadentums weiterregierte, zu einer Zeit, als die totale Ernüchterung durch den Krieg schon eingetreten war. Diese Haltung hatte ein Glaubwürdigkeitsdefizit – immerhin brandete im benachbarten Russland schon die Revolution auf. Don Quijote war ein Ritter zu einem Zeitpunkt, als das Rittertum längst tot war. Das vergleiche ich mit Karl: Das Gottesgnadentum war längst anachronistisch, und trotzdem spann Karl sich in den Kokon dieser abgelebten Welt ein. Sein Tod ist deshalb von so entscheidender Bedeutung, weil er zeigt, dass Karl bis zu seinem letzten Atemzug der Meinung war, dass das von Gott für ihn auserwählte Schicksal mit dem Zusammenbruch der Monarchie verbunden sei. Nicht aus politischen Gründen kollabierte für ihn die Monarchie. Er war im Gegenteil davon überzeugt, keine Fehler begangen zu haben.

STANDARD: Sie meinen: Er hat nicht politisch gedacht?

Roth: Politisch gedacht zwar schon, aber ohne Konsequenzen zu ziehen. Alles das, was der später ermordete Franz Ferdinand bereits angedacht hatte, nämlich wirkliche Reformen zu setzen – hat Karl höchstens erahnt. Er ließ seinen Sohn Otto an das Sterbebett holen und sagte: Er solle sehen, wie ein Kaiser und Katholik stirbt. Karl ist ein Symbol für den Katholizismus in Österreich, wie er heute noch von der Kirche praktiziert wird.

STANDARD: Haben Sie die Debatten rund um die Seligsprechung überhaupt noch für möglich gehalten?

Roth: In diesem Ausmaß nicht. Aber an der Entwicklung kann man ablesen, wie stark noch immer der traditionelle, reaktionäre Katholizismus in der österreichischen Mentalität verwurzelt ist.

STANDARD: Wie weit folgen Sie beim Abfassen der "Orkus"-Einzelbände einem vorab festgelegten Kalkül – und inwieweit geben Sie dann noch spontanen Impulsen beim Schreibprozess nach?

Roth: Für ein so großes Unternehmen brauche ich eine vorher entworfene Struktur. Während des Schreibens versuche ich aber, gleichzeitig gegen die Struktur anzukämpfen. Der Schöpfungsakt ist immer auch ein Zerstörungsprozess. Im Labyrinth muss es aber einen Ariadnefaden geben. An der Stelle, wo der Brandstifter Stourzh vom Psychiater durchschaut wird, habe ich mir gedacht: Das Motiv für die Brandlegung kann nur Stourzh selbst kennen! Wie kommt der Psychiater überhaupt darauf? Also ist die Figur des Psychiaters nur eine Konstruktion seines Patienten. Das ist der vollendete Zynismus – und das Spiel geht auf. (DER STANDARD, Printausgabe, 21.01.2005)

  • Der steirische Romancier Gerhard Roth inmitten seiner Privatbibliothek in Wien: In dem Roman "Das Labyrinth" nimmt er Tuchfühlung auf mit verehrten Kollegen wie Cervantes und Pessoa.
    foto: standard/christian fischer

    Der steirische Romancier Gerhard Roth inmitten seiner Privatbibliothek in Wien: In dem Roman "Das Labyrinth" nimmt er Tuchfühlung auf mit verehrten Kollegen wie Cervantes und Pessoa.

  • Zur PersonDer gebürtige Grazer Gerhard Roth (62) hat sich nach Anfängen als experimenteller Autor als Chronist einer Parallelgeschichte der österreichischen Lebenswelt einen Namen gemacht: Seinem siebenbändigen Romanwerk "Die Archive des Schweigens" folgt 
jetzt der Zyklus "Orkus", an dessen Ende "die Verwandlung des Autors in Literatur" stehen soll.
    foto: standard/christian fischer

    Zur Person

    Der gebürtige Grazer Gerhard Roth (62) hat sich nach Anfängen als experimenteller Autor als Chronist einer Parallelgeschichte der österreichischen Lebenswelt einen Namen gemacht: Seinem siebenbändigen Romanwerk "Die Archive des Schweigens" folgt jetzt der Zyklus "Orkus", an dessen Ende "die Verwandlung des Autors in Literatur" stehen soll.

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