Sterntaler sammeln

22. Februar 2005, 16:02
5 Postings

Warum ÖIAG-Vorstand Peter Michaelis das Tuch wie im Märchen aufhalten konnte und 22 Millionen Euro mehr kassierte - Von Luise Ungerböck

Es ist eine Ironie des Schicksals, dass die besonders treuen Aktionäre, welche die VA Tech durch dick und dünn getragen haben, jetzt wenigstens jene 65 Euro pro Aktie bekommen, die sie vor knapp elf Jahren bezahlt haben. Sie haben zwar nichts verdient, aber zumindest nominell nichts verloren.

Ehe es zu dieser deutlichen Aufstockung kam, die Siemens gut 160 Millionen Euro kostet, bedurfte es eines ordentlichen Schocks, den der Elektrokonzern in der Hauptversammlung am Montag versetzt bekam. Da zeigten die Aktionäre ihre Macht und zwangen einen Weltkonzern in die Knie. Es waren natürlich nicht die ehemaligen Voestler, die Bewegung in die verfahrene Situation gebracht haben - sie konnten lediglich ihrem Ärger Luft machen -, sondern die großen Investmentbanken.

Und die sind auch die wahren Gewinner des Deals, der nun wohl klaglos über die Bühne gehen wird. Sie haben hoch gepokert und werden gewinnen.

Eigenartig ist das Verhalten der Verstaatlichtenholding ÖIAG. Sie pries schlappe 55 Euro je Aktie wochenlang als "fairen Preis" und ein Super-Geschäft, das unbedingt alle Aktionäre annehmen sollten. Nun bekommt ÖIAG-Vorstand Peter Michaelis 22 Millionen Euro mehr, aber nicht, weil er so gut verhandelt und für den Steuerzahler das meiste herausgeholt hat, sondern weil andere viel riskiert haben. Wie das Kind im Märchen ein Tuch aufbreiten und die Sterntaler einsammeln - so hat sich Otto Normalverbraucher einen harten, aber üppig dotierten Vorstandsjob schon immer vorgestellt.

Bezahlen müssen die Zeche die Mitarbeiter, denn mit dem höheren Kaufpreis steigt der Rationalisierungsdruck deutlich. Und die Kunden, denn sie verlieren einen Anbieter, was das Feilschen um den Preis erschwert. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21.1.2005)

Share if you care.