Kinotipp: Eine nicht abschließbare Geschichte

3. Mai 2005, 17:39
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Filmische Auseinandersetzung mit den Auswirkungen des Holocausts für die nachkommenden (Opfer-)Generationen

Wenn sie als kleines Mädchen beobachtete, wie Mitschülerinnen nach dem Unterricht von ihren Großeltern abgeholt wurden, erzählt die Frau, dann war das für sie immer eine kleine Sensation: Großeltern zu haben überstieg den eigenen Erfahrungshorizont - und war nur einer von vielen Aspekten, die die eigene Familiengeschichte von anderen unterschied.

things.places.years, der im Top-Kino Wien-Premiere gezeigt wird, ist eine filmische Auseinandersetzung mit den Auswirkungen des Holocausts für die nachkommenden (Opfer-)Generationen. Aber der Dokumentarfilm von Klub Zwei - das sind Simone Bader und Jo Schmeiser - hebt sich angenehm von verwandten Arbeiten ab: Die Interviews mit in London lebenden Frauen aus jüdischen Familien werden thematisch (und nicht biografisch) strukturiert. Das ist schon ein erster Hinweis darauf, dass die Erfahrungen Einzelner hier - inklusive aller individueller Abweichungen - als paradigmatisch verstanden und vermittelt werden. Darüber hinaus werden die Frauen nicht auf jene Erfahrungen reduziert, die an ihre Herkunft gekoppelt sind, sondern kommen auch in ihren beruflichen Funktionen, als Wissenschafterinnen, Kuratorinnen oder Autorinnen zu Wort.

things.places.years ist geprägt von einer Atmosphäre ruhiger Distanz und Präzision. Hier wird dezidiert keine Gefühlspolitik betrieben, sondern vielmehr nüchtern und respektvoll betrachtet und aufgezeichnet. Nicht näher ausgewiesene Aufnahmen aus dem städtischen Raum schieben sich zwischen die Gesprächspassagen, schaffen Platz zum Nachdenken und verschränken sich doch auf eigentümliche Weise immer wieder mit dem Gesagten. Gerade im "Gedankenjahr 2005" ein beispielhafter Zugang zum Umgang mit jenem Teil der jüngeren Geschichte, den manche nur zu gerne als abgeschlossen betrachten würden. (irr/DER STANDARD Printausgabe 20. Jänner 2005)

TOP-Kino
21.Jänner bis 27.Jänner 2005, 19.00 Uhr
29.Jänner bis 4.Februar 2005, 21.00 Uhr
1060 Wien, Rahlgasse 1
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