Wir und die Shoah

11. Februar 2005, 17:03
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Kolumne von Paul Lendvai

Wir stehen vor den offiziellen Veranstaltungen zum 60. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz. Gerade in Zusammenhang mit Auschwitz-Birkenau stellt sich die Frage, wie die Welt die Erinnerung an die Shoah, die Ermordung von zwei Drittel des europäischen Judentums, bewahren und zugleich die Banalisierung des Holocausts vermeiden, ja verhindern könnte.

Richard Chaim Schneider wies kürzlich in der Süddeutschen auf die geheuchelten Gemeinplätze in Gedenkreden und auf die immer gleichen Bilder hin: die Toreinfahrt von Auschwitz, die Zuggleise und die Leichenberge.

Aber, schreibt Schneider, kaum einer habe sich in den letzten Jahren seit dem Lanzmann- Epos noch die Mühe gemacht, das "Wahrhaftige" in all den Geschichten über die Shoah wirklich zu suchen. Jene Wahrhaftigkeit, die sich, wenn man nur hinschauen will, in den Gesichtern und Seelen der Überlebenden finden lässt.

Diese entsetzlichen Ereignisse in Auschwitz-Birkenau und in den anderen Vernichtungslagern, am Budapester Donau-Ufer und in den Schluchten von Babi Jar (bei Kiew) haben nicht nur die Überlebenden, sondern auch die Nachgeborenen in der zweiten, sogar dritten Generation der Opfer auf unterschiedlichste Weise (Neigung zum Selbstmord, Depressionen, psychosomatische Krankheiten) geprägt.

Jean Am´erys Worte gelten auch heute: "Jude sein, heißt sich ständig der ,Endlösung‘ als reiner Wirklichkeit von gestern und einer Möglichkeit von morgen bewusst sein."

Wir gehen allerdings in einer denkwürdigen Atmosphäre dem Gedenktag von Auschwitz entgegen. Der rechtsradikale Le Pen behauptet, dass die deutsche Besatzung in Frankreich (wo 77.000 Juden nach Auschwitz deportiert und tausende Widerstandskämpfer umgebracht wurden) nicht "besonders unmenschlich gewesen" sei.

Früher schon hatte Le Pen die Gaskammern als "ein Detail des Weltkrieges" bezeichnet. In Großbritannien sorgte der 20-jährige Prinz Harry mit Hakenkreuzbinde und Wehrmachtshemd bei einem Geburtstagsfest für einen Skandal. Ob Harry zu jenen 60 Prozent der Briten unter 35 gehört, für die Auschwitz kein Begriff ist, oder durch "mangelndes Feingefühl" ein Tabu brach, ist unerheblich.

Dass deutsche Korrespondenten diese Entgleisung genüsslich als Retourkutsche für die vielen antideutschen Beleidigungen der Londoner Boulevardpresse verwenden, darf auch nicht bagatellisiert werden. Ebenso wenig übrigens wie die umstrittene Gleichsetzung des Judenmordes der Nazis mit der Abtreibung durch den Kölner Kardinal Meisner, der allerdings die "Missverständnisse" in seiner Predigt bedauert hat.

Dass die historisch gewachsenen antijüdischen Ressentiments keineswegs nur rechts oder extrem rechts zu finden sind, zeigt die geradezu atemberaubende und um Jahrzehnte verspätete, trotzdem aber höchst lobenswerte Darstellung der "gesellschaftlichen Reintegration ehemaliger Nationalsozialisten" durch den Bund sozialistischer Akademiker (BSA) und die SPÖ-Führung von Schärf und Helmer bis zu Kreisky und Broda.

Die Autoren der bahnbrechenden Studie "Der Wille zum aufrechten Gang" (Czernin Verlag) analysierten nicht nur die Schwindel erregenden Karrieren ehemaliger Nazis in Politik, Wirtschaft und Justiz, sie wiesen auch auf den schweren politisch-moralischen Schaden und auf die emigrantenfeindliche Mentalität der meisten SPÖ- Spitzenfunktionäre nach dem Krieg hin.

Die Debatte um die Deutungshoheit über die Jahre 1938–1945 und danach ist also auch ein Teil der demokratischen Verteidigungsbereitschaft gegen die Missachtung demokratischer Umgangsformen. (DER STANDARD, Printausgabe, 20.1.2005)

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