"Unkraut wuchert im Garten Gottes"

11. Februar 2005, 15:48
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Die Rekordzahl der Austritte stellt die katholische Kirche auch vor Finanzprobleme - Nicht nur Skandale vertreiben die Gläubigen

Die Rekordzahl der Kirchenaustritte stellt die katholische Kirche auch vor Finanzprobleme: In Wien erbringt der Kirchenbeitrag pro Kopf etwa 60 Euro. Experten räumen ein, dass nicht nur Skandale Gläubige vertreiben.

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"Gehet hin in Frieden" - mehr als 50.000 Katholiken nahmen dies im vergangenen Jahr wohl allzu wörtlich und kehrten der Kirche mit einem bindenden Austritt den Rücken zu. Die klerikale Bilanz ließ in allen Bundesländern die Kirchenglocken alarmierend läuten. Beinahe jede Diözese verbuchte 2004 einen seit dem Zweiten Weltkrieg wohl einzigartigen Rekordabgang ihrer Mitglieder.

Ein Grund für den rapiden Anstieg der Zahl der Kirchenaustritte war vonseiten der Kirchenverantwortlichen rasch gefunden. Mit der Sex-Affäre in St. Pölten im Sommer des Vorjahres konnte die Kirche den nach Causa Groër wohl spektakulärsten, hausgemachten Skandal verbuchen. "Ohne Zweifel haben die Probleme des Vorjahres eine große Rolle für die Austritte gespielt", meint auch der Sprecher der Erzdiözese Wien, Erich Leitenberger.

Der für den Kirchenbeitrag in Wien zuständige Abteilungsleiter Josef Weiss sagte dem STANDARD, dass pro zahlenden Katholiken etwa 60 Euro Kirchenbeitrag pro Jahr anfallen - pro Beitragszahler (die typischerweise für beitragsfrei gestellte Kinder oder Ehegatten mitzahlen) sind es 93. Wenn aber jemand wegen eines gestiegenen Einkommens seinen Kirchenbeitrag von 1,1 Prozent des Jahreseinkommens nicht mehr zahlen wolle, könne man ihn nicht um jeden Preis halten.

Die Skandale sind also ein Faktor für den Exodus der Kirchenmitglieder, aber eben nicht der einzige. Doch der Ball wurde beinahe von jeder Diözese ins sündige Priesterseminar in St. Pölten "zurückgespielt".

Dennoch liegt laut Kirchenexperten der wahre Grund für die Rekordaustritte weit tiefer als im Kirchen-Skandal. Die Affäre in St. Pölten sei eigentlich nur die Spitze des Eisbergs. "Das jetzt als Erklärungsmodell für die Austrittswelle herzunehmen, ist zwar einerseits typisch für die Kirche und wird auch seit 15 Jahren so praktiziert, andererseits schlichtweg zu einfach und steril", ist der Dogmatiker und Dekan der Theologischen Fakultät in Innsbruck, Jozef Niewiadomski im Gespräch mit dem STANDARD überzeugt.

"Bedrohliche Situation"

Die Situation sei in Wahrheit "viel bedrohlicher", als sie auf den ersten Blick aussehe. "Der jetzige Austrittsrekord ist nicht mehr als ein kurzer Aufschrei", erläutert Niewiadomski. "In den letzten Jahren ist es zu einer radikalen Privatisierung und Banalisierung der Religion gekommen", so der Dogmatiker. Die Religionsfrage sei einer regelrechten "kulturpolitischen Verwahrlosung" ausgesetzt worden.

"Das ist ähnlich wie in der Natur: Wenn Gottes Garten nicht gepflegt wird, verwuchert er zunehmend mit Unkraut. Das Ergebnis zeigt sich dann auch in so hohen Austrittszahlen", ist Niewiadomski überzeugt. Früher sei die Religion an sich "eine Privatsache gewesen, aus der sich der Staat weit gehend herausgehalten hat".

Genau dieses Bild habe sich innerhalb der Gesellschaft stark gewandelt: "Religion ist heute von der wichtigen Privatsache zum einem Privathobby geworden, dass im Supermarkt der Sinne weit hinter den Sport- und Freizeit-Artikeln platziert ist", kritisiert Niewiadomski im Gespräch mit dem STANDARD. Dieser Wertewandel sorgt für einen bedenklichen Umgang mit dem Thema Kirche.

"Wenn Gott nur mehr rein als Hobby zwischen Fangopackungen und Fitnessprogramm gesehen wird, so fällt ein Austritt aus der Kirche dann nicht mehr allzu schwer."

Die Gesellschaft habe zu einem großen Teil bereits vergessen, dass die Religion ein wichtiges Bindeglied einer funktionierenden Gemeinschaft sei.

"Die Kirche steht heute vor der schwierigen Situation, dass viele Menschen einfach keinen Sinn mehr darin sehen, sich an eine öffentliche Institution zu binden, die gesamtgesellschaftlich kontrolliert wird", erklärt Niewiadomski.

Dieser Trend sei eine "große Bedrohung" und wenn nicht bald ein entsprechender Umdenkprozess einsetzte "spitzt sich die Situation mit Sicherheit weiter zu". Nicht die Kirche alleine müsse sich ändern, sondern in jedem Einzelnen sei ein Umdenkprozess nötig.

Nicht ganz so dramatisch sieht die Vorsitzende der katholischen Frauenbewegung, Margit Hauft, die Situation: "An den hohen Austrittszahlen gibt es nichts zu rütteln, und sie sollten natürlich auch der Anlass zu einer intensiven Auseinandersetzung der Situation sein. Man sollte die Kirche aber im Dorf lassen, denn unzählige Menschen fühlen sich nach wie vor bei Gott zu Hause."

Die Causa St. Pölten habe natürlich die österreichische Kirche "bis ins innerste Mark erschüttert" und die jetzigen Austritte seien sehr wohl eine Reaktion darauf. "Das große Problem war, dass die Vorfälle im St. Pöltener Priesterseminar sehr weit reichend waren. "Nicht nur jenen Menschen, deren Bindung schon im Vorfeld sehr oberflächlich war, sondern auch Gläubige, die tief in ihrer Religion verwurzelt waren, haben nach St. Pölten gesagt, mit dieser Kirche kann ich nicht mehr", so Hauft.

Es müsse sich jetzt "am Auftritt der Kirche" etwas ändern: "Stillschweigend im Hintergrund Gutes zu tun und zu helfen, bringt uns jetzt nicht weiter. Man muss auf die Menschen zugehen und ihnen bewusst machen, wie viel die Kirche in unzähligen Bereichen bewirkt", meint Hauft. (Markus Rohrhofer/DER STANDARD; Printausgabe, 19.1.2005)

  • Der Letzte macht die Türe zu: Die Kirchen bleiben leer, die Gläubigen verlassen sie in Scharen - und zwar nicht nur wegen der Sexaffären, wie Experten zu bedenken.
    foto: standard/cremer

    Der Letzte macht die Türe zu: Die Kirchen bleiben leer, die Gläubigen verlassen sie in Scharen - und zwar nicht nur wegen der Sexaffären, wie Experten zu bedenken.

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