Grund zum Fürchten

11. Februar 2005, 17:03
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Spekulationen über einen möglichen amerikanischen Angriff auf iranische Atomanlagen gibt es seit etwa zwei Jahren - von Gudrun Harrer

Spekulationen über einen möglichen amerikanischen - oder auch israelischen - Angriff auf iranische Atomanlagen gibt es seit etwa zwei Jahren: Sie riefen damals die EU-3 (Großbritannien, Frankreich, Deutschland) auf den Plan, die sich seitdem mit wechselndem Erfolg um einen Stopp des iranischen Urananreicherungsprogramms bemühen. Ob die Iraner tatsächlich auch ein Waffenprogramm betreiben oder zumindest eines planen, bleibt weiter unbekannt, andernfalls hätten die USA auch nicht die - von Seymour Hersh im New Yorker beschriebene - aufwändige Aufklärungskampagne nötig. Aber beim Iran geht es längst nicht mehr um "Haben oder Nichthaben", sondern um "Können oder Nichtkönnen": genauso wie 1981, als israelische Kampfjets den unter Kontrolle der Atomenergiebehörde (IAEO), also völkerrechtlich erlaubten französischen Forschungsreaktor (Osirak) im Irak zerstörten. Erst kürzlich sagte ein israelischer Atomexperte dem STANDARD dazu: "Wir mussten auf die (technischen) Fähigkeiten reagieren, nicht auf die Frage, was die Absichten sind." Zwar wurde die Fähigkeit des Irak zur Plutoniumgewinnung damals wirklich erst einmal aufgehalten, aber mit einem Nebeneffekt schlagen wir uns heute auch im Fall des Iran herum: Ab den 80er-Jahren wanderten engagiertere nukleare Aktivitäten in der Region, selbst wenn sie nicht a priori einen Bruch des Atomwaffensperrvertrags beinhalteten, in die Klandestinität ab. Hat Hersh Recht, dann ist für den Iran das vorgesehen, was schon im Irak nicht funktioniert: eine militärische Lösung, möglichst gefolgt von einer politischen, von der man aber nur weiß, dass sie "regime change" heißt, nicht, welche Folgen sie hat. Wir stellen fest, dass es in der US-Regierung keine kritische Evaluierung ihrer bisherigen Politik gibt. Diese hat für George W. Bush an den Wahlurnen im November stattgefunden, und das genügt ihm. Es geht um Glauben, nicht um Ratio. Grund zum Fürchten. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19.1.2005)
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