Vogts: Nicht genug Qualität in Österreichs Liga

6. Februar 2005, 12:40
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Schottlands Ex-Boss Berti Vogts im Interview über seine Sicht des heimischen Fußballs und dessen gravierendstes Defizit

Berti Vogts nahm am vergangenen Wochenende als Referent beim ÖFB-Trainerseminar in Maria Enzersdorf teil. In einem Interwiew sprach er über seine Sicht auf den den österreichischen Fussball, über seine Teamchef-Erfahrung in Kuwait und Schottland sowie die Entwicklung des asiatischen Fussballs.

Offside.at: Wie schätzen Sie den österreichischen Fussball ein?

Vogts: Das ist eine schwierige Frage. Ich lebe nicht in Österreich und lese auch nicht so viel den österreichischen Fussball – denn er ist ja nicht so oft in der Champions League und im UEFA Cup vertreten. Ich kenne nur den Kader der Nationalmannschaft – wir selber haben mit Schottland gegen Österreich gespielt, da hat Österreich in Glasgow einen hervorragenden Eindruck hinterlassen. Die Mannschaft war gut organisiert, sie war athletisch, sie hat aus den meisten Positionen unheimlich schnell nach vorne gespielt und daher beurteile ich die Mannschaft sehr positiv. Man ist auf dem richtigen Weg, man hat viele junge Spieler eingebaut und vor allem einen jungen Spieler zum Leitwolf und zum Kapitän gemacht. Man hat in der WM-Qualifikation noch eine minimale Chance – wenn man in Polen und in Wales gewinnt – und ich drücke nur die Daumen – mehr kann ich nicht tun – dass sie 2008 eine sehr, sehr schlagkräftige Truppe haben.

Was fehlt Ihrer Meinung nach dem österreichischen Fussball um international vorne mitspielen zu können?

Man muss Qualität in der Liga haben – ich glaube, dass in der Liga nicht genug Qualität vorhanden ist. Wenn ich sage, dass bei der letzten Europameisterschaft nur zwei Spieler (mit Vitalj Astafjevs waren es drei, aber der Lette war zu dem Zeitpunkt nicht mehr ein Spieler der Admira) an diesem grossen Event teilgenommen haben. Das waren zwei Kroaten und ich weiss nicht einmal, ob diese beim Nationalteam überhaupt Stammspieler waren. Das ist zu wenig.

Allerdings ist das auch eine grosse Chance für junge Spieler, und hier müssen Liga und Vereine auch wirklich für die Nationalmannschaft da sein. Internationale Spiele, internationale Härte und internationale Erfahrung sind enorm wichtig. Da muss man den internationalen Spieltermin – ob jetzt auf Vereinsebene oder auf Nationalmannschaftsebene – nützen, damit die Spieler internationale Erfahrung bekommen, und das gerade im Hinblick auf die Europameisterschaft 2008. Da sollten die Liga und die Klubs mitziehen, denn wenn man eine gut funktionierende A-Nationalmannschaft hat, hat man auch eine bessere Liga.

Kennen Sie österreichische Fussballtalente und wenn ja, welchen dieser Talente trauen sie früher oder später einen Sprung in den europäischen Spitzenfußball zu?

Ich habe das U21-Nationalteam damals in Schottland spielen gesehen, dort hat sie glaub ich unglücklich mit 1:0 verloren. Ich kenne die Mannschaft von Hans Krankl wie sie gegen uns gespielt hat und da hat sie sehr vernünftig gespielt. Ich habe das Spiel gegen England gesehen – auch hier hat Österreich sehr, sehr gut abgeschnitten. Ich glaube, es ist hier auch ein Problem, dass die Medien zu negativ über die Nationalmannschaft berichten.

Es geht gar nicht darum, ob die jungen Spieler ins Ausland gehen – es geht darum, dass sie in der Nationalmannschaft und auf internationaler Ebene optimal spielen. Alles andere kommt von alleine. Natürlich gab es die grosse Zeit, in der Hans Krankl, Herbert Prohaska und viele andere in der deutschen Bundesliga oder in Barcelona, Spanien, Italien gespielt haben.

Aber ich bin schon sehr imponiert wenn ich sehe, was man hier mit den jungen Spielern macht – mit dem Challenge Cup, dem Challenge Team und mit dem Future Team. Nur: Es dauert zehn-zwölf Jahre – in der Vergangenheit war man hier im Tiefschlaf. Man spielt hier auch zu lange nicht – ich glaube die Liga beginnt erst Mitte Februar wieder und die Winterpause hat in der ersten Dezember-Woche begonnen; das ist zu lange. Die Spieler können nicht mehr als fünf Wochen Urlaub haben – sie müssen getestet werden, sie müssen sich international mit den Besten testen. Und deshalb muss man hier diese Zeit nützen, um auch der jungen Nationalmannschaft und dem Future Team mehr internationale Erfahrung zu geben. Das bedeutet in der Zukunft auch mehr Qualität in der Liga und damit auch in der Nationalmannschaft.

Sie waren in Ihrer langen Trainerkarriere bereits in Kuwait und zuletzt in Schottland Teamchef. Inwiefern unterscheidet sich der Fussball in diesen Ländern von unserer Fussballkultur?

Kuwait ist eine total andere Welt – unteranderem auch, weil man dort nicht die Qualität von Spielern wie bei uns hat. Es waren neun Monate – für mich war das eine schöne Zeit. Man ist dort von einigen anderen Dingen abhängig. Dort ist manchmal nicht die Qualität der Spieler entscheidend, sondern der Sheik hat an sich das letzte Wort, ob der eine oder andere Spieler spielt. Ich war dort in einer Phase nach dem 11. September, wo wir keine Freundschaftsspiele absolvieren konnten, weil aufgrund der Nähe am Irak keine Mannschaft angereist ist. Es ist mit den Spielern natürlich witterungsmässig sehr, sehr schwierig – man muss um acht Uhr trainieren, weil es um neun oder zehn Uhr schon zu heiss ist – oder Abends um neun oder zehn Uhr trainieren.

Schottland ist ein wunderschönes Land, dort ist die Begeisterung für den Fussball unheimlich gross. Aber auch hier hat man in der Vergangenheit verpasst, rechtzeitig neue Strukturen zu schaffen. Wenn man sich die Grossklubs wie Celtic oder die Glasgow Rangers anschaut – dort spielt ein Schotte. Auch in den grossen, führenden Klubs in England wie in Manchester – OK, bei Manchester United spielt ein junger Spieler, Darren Fletcher, oder ein James McFadden ab und zu bei Everton – aber früher waren die besten Schotten in Schlüsselpositionen in der englischen Premier League. Dort spielen jetzt keine Schotten und es braucht zehn Jahre Zeit. Ich habe da einen sehr radikalen Weg gewählt – und zwar den jungen Weg, aber das ist auch der einzige Weg. Weil die Schotten ein tolles, freundliches und herzliches Volk sind, drücke ich ihnen wirklich die Daumen, dass sie wieder aus der Krise herauskommen.

Vor allem "Teamchef in Kuwait sein" klingt für die meisten Europäer irgendwie "surreal". Wie lebt man den Fussball in dieser Region und inwiefern hat Sie diese auf jeden Fall einmalige Erfahrung geprägt?

Der Fussball ist zwar nicht des Kuwaits liebstes Kind, aber man hat Interesse an den grossen Klubs. Aber man muss natürlich auch wissen, dass Kuwait nach Saudi Arabien, nach Quatar, das wie die United Emirates jetzt auch eine Profiliga hat, etwas nachrückt. Kuwait hat ja auch den Zeitpunkt verpasst, es spielen dort kaum Profis bzw. keine guten Profis. In Quatar sind viele guten Namen wie Stefan Effenberg oder Gabriel Batistuta. Christophe Dugarry spielt in den United Emirates, Marcel Desailly spielt in Quatar. Solche guten Namen dienen natürlich auch als Leitbild für die jungen Spieler.

Man hat sehr viel Geld und man hat gute Trainingsmöglichkeiten zur Verfügung – und man ist sehr ungeduldig. Man glaubt, dass, wenn man viel Geld heute investiert, übermorgen den Asien-Meister stellen muss. Das ist nicht möglich, denn China ist auf dem Vorweg, Iran ist sehr stark, Japan, Korea und jetzt hat sich auch Nordkorea durchgesetzt. Asien ist nicht mehr ein Fussball-Entwicklungsland, Asien ist auf dem Weg nach vorne – das hat Korea nicht nur bei der Weltmeisterschaft 2002, sondern auch wie sie die junge deutsche Nationalmannschaft unteranderem auch mit tollen Konterfussball geschlagen haben, bewiesen. Es gibt sehr viele gute europäische Trainer in Asien, und man hat gute Möglichkeiten. Aber: Man muss von der Trainingsintensität her mehr investieren, und da gibt es manchmal in Asien oder besonders in Vorderasien gewisse Probleme. Da geht man in Asien den bequemen Weg und dieser ist ein negativer Weg für den Fussball.

Es war eine tolle Erfahrung – ich war neun Monate lang dort und in dieser Zeit auch vier Monate in Deutschland, denn im Mai, Juni, Juli, August kann man dort nicht trainieren, denn es ist zu heiss. Dann holt man die Spieler vier Wochen nach Europa, trainiert dort mit ihnen, dann sind sie in einer komplett anderen Welt und dann braucht es wieder fast eine Woche, dass sie sich wieder an die Heimat anpassen. Auch essensmässig sind sie doch sehr an ihre eigene Küche gewöhnt.

Sie befinden sich momentan in Österreich, weil Sie an einem Trainerseminar des ÖFB referieren. Welche Tipps möchten sie an Trainer, die am Anfang ihrer Karriere sind, weitergeben?

Ich bin von der Qualität dieses Lehrgangs beeindruckt, ich bin beeindruckt von den Referenten, wie zum Beispiel vom jungen Referenten (Anm.: Die Rede ist von Damir Canadi, dem Trainer des Regionalligisten PSV Team für Wien), der hier über die Viererkette im Amateurbereich gesprochen hat. Man diskutiert hier hart, geht glaub ich einen neuen Weg - und hier ist auch Dank der angebotenen Ausbildung einiges vorhanden. Ich hoffe und kann nur die Daumen drücken, dass man in einigen Jahren auch die Qualität in den Mannschaften wieder erhöht.

Gibt es etwas, was Sie in Ihrer Trainerkarriere noch erreichen möchten? Haben Sie noch einen Traumklub oder ein Nationalteam, bei dem sie einmal tätig sein möchten?

Man muss abwarten, ich muss sondieren – denn ich habe viele Anfragen, aber es muss schon einiges passen.

(Quelle: Offside.at)

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    Berti Vogts war zuletzt als Teamchef in Schottland engagiert, musste seinen Posten im vergangenen Herbst nach schlechten Leistungen seines Teams in der WM-Qualifikation aber räumen.

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