"Dieser Wunsch wird nicht in Erfüllung gehen"

13. Juli 2007, 12:28
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Die Begeisterung über die Einführung eines wirtschaftrechtlichen Studienplanes an der WU ist gering - vor allem gegen den Zugang zu juristischen Kernberufen gibt es Einwände

"Bei allem Respekt werden die neuen Studienpläne der Wirtschaftsuniversität Wien für die juristischen Kernberufe nicht geeignet sein". Der Präsident der österreichischen Rechtsanwaltskammer, Dr. Gerhard Ben-Ibler, findet klare Worte über die Ende Dezember beschlossenen wirtschaftsrechtlichen Studienordnungen der WU Wien (derStandard.at/Uni berichtete).

"Wir waren immer schon Anhänger einer klaren Linie", begründet Ben-Ibler die Bedenken der Rechtsanwaltskammer. Ein Rechtsanwalt benötige vor allem eine juristische Ausbildung, und zwar bestenfalls an einer juristischen Fakultät. "Ich gebe gerne zu, dass ich diesbezüglich eine große Zuneigung zu den juristischen Fakultäten habe", so Ben-Ibler.

Keine Einbahnstraße

Auch Dr. Harald Bisanz, Präsident der Rechtsanwaltskammer Wien, betont die Bedeutung eines hohen und beständigen Standards in der Juristenausbildung. "Wir reden hier schließlich nicht von Einbahnstraßen - gut ausgebildete Juristen sind wichtig für Studenten und Klienten". Die generelle Entscheidung, ob auch AbsolventInnen der WU Zugang zu juristischen Kernberufen erhalten sollen, behält er sich bis zum Beschluss des Master-Programms vor. "In diesem müssten dann aber die juristischen Fächer deutlich überwiegen, damit man von einem volljuristischen Studium sprechen kann", so Bisanz weiter.

Kein Bedarf

Dem von Seiten der WU wahrgenommenen Wunsch der "Praxis" nach einem wirtschaftsrechtlichen Studium mit einem Abschluss als Mag. jur. kann sich Dr. Andreas Hable, Partner und Recruiting-Verantwortlicher der führenden Wirtschaftskanzlei Binder Grösswang, nur bedingt anschließen. "Bis jetzt hatten wir nur Bewerber, die ein Studium an einer inländischen oder anerkannten ausländischen juristischen Fakultät absolviert haben", erzählt er. Einen unmittelbaren, größeren Bedarf nach einer eigenen wirtschaftsjuristischen Studienordnung sieht er nicht.

Solides Basiswissen

Generell stehe er zwar einer solchen Ausbildung offen gegenüber, aber "der Schwerpunkt liegt auch in Wirtschaftskanzleien bei Jus und nicht bei Wirtschaft". Auf die Frage, was Jung-Anwälte mitbringen müssten, gibt es eine klare Antwort: "Ein solides, juristisches Basiswissen in allen Rechtsbereichen". Auch für Wirtschftsanwälte gehöre Straf- und Zivilprozessrecht zum unverzcihtbaren Grundlagenwissen. Das wirtschaftliche Verständnis müsse dagegen nicht unbedingt mit einem Studium erworben sein, sondern könne auch auf praktischen Erfahrungen oder Wahlfächern beruhen.

"Schmalspur-Juristen"

Harald Krammer, Präsident des Oberlandesgerichts Wien (OLG Wien), schließt sich seinen Kollegen an: "Ich bin unbedingter Anhänger eines umfassenden Jus-Studiums". Vor allem in der hohen Bedeutung eines funktionierenden Rechtssystems, das es ermöglichen soll, gesellschaftliche Probleme auf Rechtsebene zu lösen, sieht er den entscheidenden Aspekt. "Juristen üben eine für die Gesellschaft hochnotwendige Tätigkeit aus, in Fällen, in denen Probleme mit Reden allein nicht mehr gelöst werden können". Dafür seien wirtschaftliche Kenntnisse zwar nützlich, aber das juristische Wissen schlussendlich ausschlaggebend. "Ich bin kein Freund dieser Koppelung", so Krammer weiter, "so bleiben beide Fächer halb - und mit Schmalspur-Plänen kann man nichts erreichen".

Unerfüllte Wünsche

Allgemeines Unverständnis herrscht über den "Schnellschuss" der WU. "Ich hätte schon gerne, dass man mit den Beteiligten spricht, wenn man so etwas macht", kritisiert Ben-Ibler den Beschluss der neuen Studienpläne ohne Einbindung der Rechtsanwaltskammer. Auch Krammer betont: "Ich kann nur sehr hoffen, dass man die Justiz noch fragen wird".

Das letzte Wort im Fall der neuen wirtschaftsrechtlichen Studienpläne dürfte also noch nicht gesprochen sein. Dass die WU ihre Vorstellungen über den Zugang zu den juristischen Kernberufen Richter, Anwalt oder Notar in der vorliegenden Form durchsetzen wird, bezweifelt Präsident Ben-Ibler: "Da ist der Wunsch Vater des Gedanken, und er wird in dieser Form nicht in Erfüllung gehen". (az)

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    Kritik von Rechtsanwaltskammer und Gerichten: Beschluss der neuen WU-Studienpläne Wirtschaftsrecht unter Auschluss der betroffenen Öffentlichkeit

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