Der norwegische Nationalfisch

16. Februar 2005, 13:38
14 Postings

In der "Presse" hat man beschlossen, die heurigen Jubiläen der Republik auf besondere Weise zu feiern...

In der "Presse" hat man beschlossen, die heurigen Jubiläen der Republik auf besondere Weise zu feiern: Zwei Chefredakteure des Blattes, der gegenwärtige und sein Vorvorgänger, liefern einander in der Wochenendbeilage Spectrum einen Wettlauf in ihrer Lieblingsdisziplin Selbstbespiegelung. Zu den Regeln gehört, dass man sich möglichst hoch über seinen Gegenstand erhaben darstellt, um aus der Distanz zwischen sich und dem Objekt seiner Kritik die eigene Abgeklärtheit umso heller erstrahlen zu lassen. Bevorzugter Gegenstand von Chefredakteuren aus der Frühzeit der "Presse" war das Abendland, das sie in schöner Regelmäßigkeit untergehen ließen. Heute kommen sie mit Österreich aus.

Vor neun Jahren habe ich Österreich verlassen. Ein Wiedersehen oder: Was ist geschehen, was ist aus diesem Land geworden? Eine Farce? fragte Michael Maier in der Nummer vom 8. Jänner. Um solche Fragen zu stellen, hätte er Österreich nicht verlassen müssen, viele hier gebliebene Kolleginnen und Kollegen haben ähnliche Fragen gestellt, und sind trotz der Nähe zu ganz ähnlichen Antworten gekommen. Und sie mussten sich dafür die Richtigkeit ihrer neun Jahre lang abgelegenen Ansichten weder von einem norwegischen Diplomaten bei einem Lutefisk-Essen in Berlin noch von einem befreundeten Rabbiner aus Niederbayern bestätigen lassen. Übrigens: Lutefisk, das ist der norwegische Nationalfisch. Pures Fett. Um ihn überhaupt genießen zu können, trinkt man dazu Unmengen Aquavit.

Österreich hat leider keinen Nationalfisch. Das ist aber nicht der wichtigste Vorbehalt, den Maier gegen unser - sein - Land vorbringt. Sein Problem begann, wie gesagt, vor neun Jahren mit einem "Spectrum"-Text, den er niemals als Abschiedsartikel geplant hatte. Aber er ist es irgendwie geworden. Ich habe Österreich verloren, als ich wegging. Liegt es an mir?

Das ist bis heute nicht besser geworden: Wenn ich in Österreich bin, erfüllt mich das mit Zorn. Dafür hätte er auch bleiben können. Liegt es vielleicht doch an mir? Wie kommt es aber, dass, sobald das Flugzeug wieder in der Luft ist, ich die Donau kleiner werden sehe, der Zorn verraucht? Liegt es an mir? Das Österreich, an dem mir liegt, gibt es nicht mehr. Soviel Nostalgie war zuletzt nach dem Untergang der Monarchie.

Maier beklagt, dass jungen Menschen der Name Otto Rösch nichts mehr sagt, dass Österreich Jörg Haider geschluckt habe und nun eine nasse, schwammige, alte Kröte verdaut. Er beklagt den Antisemitismus, den Umgang mit Elfriede Jelinek, den Kinderpornoskandal in St. Pölten, alles auch hier breit abgehandelt, vielleicht nicht so sehr in der "Presse". Aber all das verraucht, wenn ich am Strand von Tel Aviv Minzenlimonade trinke, den würzigen Duft aufsauge und über das Mittelmeer blicke und am anderen Ende nichts anderes sehe als die Erinnerung, jenes Ende, wo das Meer einmal an Österreich anschlug. Den frischen Tabuli-Salat beim kleinen Libanesen in Berlin in der Kantstraße schenken wir uns.

Und das ist jetzt nur in der "Presse" möglich: Der Text löste leidenschaftliche Debatten aus! Sowie eine Antwort von Chefredakteur Michael Fleischhacker. Der analysierte eine Woche später zunächst Maiers Problem - Nicht, dass Du es verloren hast, dieses Österreich, ist Dein Problem, sondern dass Du es nicht loswirst -, um ihn dann zurechtzustutzen: Das Österreich-Bild, das Du so sorgfältig kopiert hast, hängt hierzulande seit Jahrzehnten als Vorlage in jeder halbwegs ausgestatteten Werkstatt des intellektuellen Kunsthandwerks. Das Interesse an Deinem Text hat in erster Linie damit zu tun, dass Du einmal Chefredakteur dieser Zeitung gewesen bist.

Das wirft natürlich die Frage auf, warum "Die Presse" diesen Text dann abgedruckt hat und was denn nun die leidenschaftlichen Debatten hervorrief. War es der frische Tabuli-Salat beim kleinen Libanesen in Berlin oder doch die Minzenlimonade in Tel Aviv? Es dürften zwei Passagen gewesen sein, die jeder durchschnittlich intelligente Leser ohne weiteres als stilbedingte Übertreibungen erkennt - schließlich würdigt Fleischhacker ausdrücklich Maiers brillante Rhetorik. So erinnern Maier die österreichischen Jubiläumsfeiern an die nationalsozialistischen Glücksverordnungen, und die Kinderporno-Affäre in St. Pölten stelle sogar die amerikanischen Skandale in den Schatten.

Solche Überschätzung der Weltgeltung Österreichs nimmt in einem nebenstehenden Artikel der Historiker Stefan Karner zum Anlass persönlicher Betroffenheit. Obwohl Maier ihn gar nicht erwähnt, vielleicht deswegen, repliziert er: Auch ich bin wohl eine der von Michael Maier so bezeichneten "reaktionären Figuren" dieses Landes. Doch ich denke. Maier wird sehr allein bleiben. Auch mit seiner Kritik. Darauf sollte Karner lieber nicht wetten.

Abschließend entwirft Fleischhacker eine versöhnliche Perspektive. Vielleicht können wir uns darauf einigen, dass wir in Zukunft mehr über Österreich reden und schreiben als über Dich und mich. Den Unterhaltungswert der "Presse" wird das nicht steigern. (DER STANDARD, Printausgabe, 18.1.2005)

Von Günter Traxler
  • Bild nicht mehr verfügbar
Share if you care.