Sorgen um das "Überangebot am heimischen Trainingsmarkt"

29. März 2006, 15:12
posten

Die Wirtschaft investiere zwar brav in Weiterbildung, der Markt leide jedoch an Überangebot, warnt Berater Niki Harramach Junge vor unüberlegter Jobentscheidung

Der Weiterbildungsmarkt in Österreich, sagt Niki Harramach, Unternehmensberater, Trainer und Sprecher der akkreditierten Wirtschaftstrainer in der Wirtschaftskammer, habe sich von den Einbrüchen im Jahr 2001 erholt und pendle insgesamt um rund 1,5 Mrd. Euro.

Dazu kämen, rechnet er, noch einmal 60 bis 70 Prozent dieser Summe zur Finanzierung des Produktivitätsentgangs während der Weiterbildungszeiten. Allerdings: "Der Markt ist angebotsüberschwemmt".

Zehnmal so viel

Benötigt würden in Österreich 400 bis 500 Trainer, sagt Harramach. Das Angebot sei aber zehnmal so groß. Dies bereite ihm zunehmend Sorgen, vor allem was die Menge an Jungen betreffe, die in diese Berufsbereiche drängen: "Der Train-the-Trainer-Markt boomt, das Training selbst überhaupt nicht", sagt er. Junge würden derzeit nach rund zwei Jahren wieder aus dem Markt fallen, wenn es ihnen nicht gelingt, an ein etabliertes Institut anzudocken.

Bei ihm - so wie bei anderen größeren Instituten - würden jährlich rund 60 WU-Absolventen und Psychologen anklopfen. "Brauchen kann ich einen oder zwei." Und davor liege noch eine rund dreijährige Lehre, wie er sagt. Wer nicht unterkomme, mache sich häufig selbstständig und verschicke "teure Folder" an Unternehmen. Harramach: "Die werden meist nicht einmal angeschaut, weil dutzende eintrudeln." Er will das durchaus als Warnung verstanden wissen: "Wenn Junge in diese Branche gehen, dann bitte nur mit einem realistischen Bild."

Aus dem von ihm benannten Überangebot ergibt sich seine zweite Sorge: "Mangelnde Qualität." Falsch ausgebildet zu sein bedeute "falsch graviert" zu sein, so Harramach. Zudem schließe ein missglücktes Training im heimischen Mittelstand für lange Zeit die Türen. Trainieren sei kein "kognitiver Beruf", sondern ein "Handwerk". Mit Trockentraining seien die notwendigen Fähigkeiten und Erfahrungen nicht zu erwerben.

Credo: Zertifizieren

Via Gesetz lasse sich Qualität allerdings nicht regeln, ist er überzeugt. Sein Credo: zertifizieren. Vor acht Jahren habe die Kammer deshalb den Costumer Certified Trainer (CCT) eingeführt, der seinen Titel aufgrund von notariell bestätigter Kundenreferenz erhält. 27 Trainer seien derzeit solcherart zertifiziert. In der "abgespeckten" Variante hat sich in Österreich der akkreditierte Trainer besser durchgesetzt. Dafür muss ein Kundenprojekt beschrieben und mit Kundenzertifikat belegt sein. Dieses Zertifikat hält dann für drei Jahre. 200 solcher Zertifikate seien derzeit vergeben. Voraussetzung ist immer der Beraterschein.

Im Zuge der Pisa-Diskussionen im heimischen Schulsystem empfiehlt er den Bildungspolitikern den Blick auf "das funktionierende System Wirtschaftstrainingsmarkt". Als Lobbyist ("wenn ich einen Bildungspolitiker erhasche") wirbt er derzeit für "Befruchten" von Schule und Weiterbildung. Harramach: "Das Schulsystem könnte sich einmal anschauen, was bei uns ,best practise' ist." (Der Standard, Printausgabe 15./16.1.2005)

Karin Bauer

Wirtschafts-
trainer
  • Artikelbild
    photodisc
Share if you care.