Neuer Rekord bei Austritten 2004

11. Februar 2005, 15:48
259 Postings

Sex-Skandal im Priesterseminar dürfte Hauptgrund sein - Mehr als 5.100 Austritte in Diözese St. Pölten - Mit Grafik

Wien - Die katholische Kirche in Österreich musste im Vorjahr einen absoluten Rekord bei den Kirchenaustritten hinnehmen. Hauptursache dafür dürfte der Sex-Skandal im Priesterseminar St. Pölten sein, der im vergangenen Herbst zum Rücktritt von Bischof Kurt Krenn geführt hat. Die Diözese St. Pölten ist besonders hart betroffen, meldete ORF NÖ Online am Dienstag. Nach vorläufigen Zahlen verließen demnach um 45 Prozent mehr Menschen als 2003 die Katholische Kirche. Mindestens 5.129 Menschen sollen ausgetreten sein. Auch die Austritte aus den anderen Diözesen ergeben ein eindeutiges Bild: Mit 44.856 Austritten wird der bisherige Rekordwert vom "Groer-Jahr" 1995 deutlich übertroffen.

Im Burgenland beträgt der Zuwachs bei den Kirchenaustritten 40,7 Prozent, in Vorarlberg 39,5 Prozent. Ähnlich hoch sind die Werte in der Diözese Gurk-Klagenfurt mit plus 39 Prozent, in Salzburg mit 38,8 und in Graz-Seckau mit 38,3 Prozent. In Oberösterreich betrug der Anstieg 35,9 Prozent, in Innsbruck "nur" 18,3 Prozent. Aus der Erzdiözese Wien liegen erst die vorläufigen Austrittszahlen der ersten elf Monate vor. Im Vergleich zu selben Zeitraum im Jahr 2003 beträgt der Anstieg demnach 20,4 Prozent.

Jeder einzelne Kirchenaustritt "schmerzlich"

Der Pressesprecher der Erzdiözese Wien, Erich Leitenberger, stellte dazu fest, jeder einzelne Kirchenaustritt sei für die Kirche "schmerzlich". In den ersten sechs Monaten des Jahres 2004 war in der Erzdiözese Wien die Zahl der Kirchenaustritte noch zurückgegangen. Vermutlich sei die Zunahme auf die "kirchenpolitischen Turbulenzen in der zweiten Jahreshälfte zurückzuführen", so Leitenberger.

Ein Sprecher der Diözese Graz bezeichnete den Vorjahreswert als "höchsten Stand seit dem Zweiten Weltkrieg". Die Monate mit den höchsten Austritten seien die Sommermonate im Gefolge der St. Pöltner-Priesterseminaraffäre gewesen, "da gibt es überhaupt nichts zu beschönigen", so der Sprecher zur APA.

Für den Linzer Bischofsvikar Willi Vieböck hat die hohe Austrittszahl in Oberösterreich "vermutlich" auch mit den Turbulenzen in St. Pölten zu tun. Wenn sich Pfarren bei Ausgetretenen nach den Gründen für ihren Schritt erkundigten, hörten sie jedenfalls oft, das habe nichts mit der Pfarre zu tun: "Ihr seid ja in Ordnung." Aber zur Zufriedenheit mit dem Leben in der Pfarre komme andererseits eine große Unzufriedenheit mit anderen kirchlichen Entwicklungen oder Vorfällen sowie die Zahlungsverpflichtung beim Kirchenbeitrag, so Vieböck.

Finanzielle Auswirkungen

Die zahlreichen Kirchenaustritte wirken sich auch finanziell aus: Als durchschnittliche Kirchenbeitragshöhe wird von der Kirche der Betrag von 70 Euro je Katholik und Jahr genannt.

Das bisherige "Rekordjahr" bei den Kirchenaustritten war 1995. Damals haben mehr als 44.300 Katholiken nach dem Bekanntwerden der Causa Groer der Kirche den Rücken gekehrt. Seit damals hat die katholische Kirche in Österreich fast eine halbe Million Mitglieder verloren.

Zulehner optimistisch

Der Pastoraltheologe Paul Zulehner glaubt trotz der höchsten Zahl an Kirchenaustritten im abgelaufenen Jahr, dass die "Krise der 86-er Jahre ausgestanden" ist. Die Kirche habe jetzt die "letzte Quittung" für den 1986 eingeschlagenen Kirchenkurs bezahlt und werde "wieder Tritt fassen".

In der "ZIB 2" des ORF sagte Zulehner, nach der großen Problematik und Auseinandersetzung um Kardinal Hans Hermann Groer sei der "zweite Krankheitsschub" durch die Skandale in der St. Pöltner Diözese um den ehemaligen Diözesanbischof Kurt Krenn "noch schmerzlicher". Außerdem seien die Menschen heute "wählerischer geworden". In einer modernen Zeit bestimmten die Menschen selber, wie sie es mit einer politischen Partei, einer Gewerkschaft und "daher auch mit der Kirche halten". Jedenfalls werde die Kirche, wenn sie nicht an sich selber denkt, sondern an die Menschen, Zustimmung erhalten.

Der Sprecher der Erzdiözese Wien, Erich Leitenberger, meinte, "ohne Zweifel haben die Kirchenprobleme des Vorjahres, der Skandal in St. Pölten, eine große Rolle" für die Austritte gespielt. (APA)

  • Bild nicht mehr verfügbar
Share if you care.