Kein Flaggschiff in Sicht

7. März 2006, 14:49
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Wien muss nach der Schließung des Virgin Megastore auf der Mariahilfer Straße bis auf Weiteres ohne großes Medienkaufhaus auskommen

Tokyo, London und Paris. Mit dem Ausbau des Virgin Megastore auf der Mariahilfer Straße zu einem Medienkaufhaus samt Gastronomie hätte sich Wien in die illustre Gesellschaft an Weltstädten mit Flaggschiffen der britischen Kette Virgin einreihen sollen. Indessen: Die Rollbalken blieben auch nach dem ursprünglich geplanten Ende der Umbauphase im September herunten, über die hiesige Betreiberfirma Better Music HandelsgmbH wurde das Ausgleichsverfahren eröffnet.

Bei Konsumenten und der heimischen Musikindustrie hinterlässt der 1992 eröffnete Virgin Megastore eine größere Lücke als es auf den ersten Blick erscheinen mag. Zwar gibt es in nicht allzu großer Entfernung ein für Musikfreunde erfreuliches Geflecht an spezialisierten Nischen-Stores, von dem Plattengeschäft Substance über den Raritäten-Shop Ton um Ton und das in Richard Linklaters „Bevor Sunrise“ verewigte 2nd Hand-Chaos des Antiquariats Teuchtler bis zum Indie-Spezialisten Rave Up. Schräg gegenüber der Virgin-Location lockt der Disconter Saturn mit Tiefstpreisen gemäß seinem Motto „Geiz ist geil“.

Allein, wer nach einem breit gefächerten Musikangebot unter einem Dach sucht, das neben Mainstream-Kost etwa Klassik jenseits florierender Billig-Serien, World Music und Jazz samt deren heimischen Vertretern umfasst, wird sich in Wien derzeit schwer tun. Mit 270 Regalmetern konnte Wiens Virgin Megastore in dieser Hinsicht durchaus einiges bieten. Die Weiten des Internet stellen zumindest für jene keine Alternative dar, die bei den Freuden des Stöberns auch kompetente Beratung zu schätzen wissen.

Das Megastore-Malheur trifft aber nicht nur die Konsumenten, sondern auch die heimische Musikindustrie: Gerade kleineren, spezialisierten Labels und Vertrieben fehlt nun ein verlässlicher Abnehmer, der zumindest für einen Grundumsatz gesorgt hat.

Eine Tendenz zur Nivellierung macht sich indessen auch im Stammland des Virgin-Konzerns, in Großbritannien breit. Waren dort die Virgin Megastores einst für ihr üppiges Angebot an Fanzines, also von Musikfans oft liebevoll gestalteten Musikblättern bekannt, beschränkt man sich heute auch beim Zeitschriftenangebot auf etablierte Größen – die Subkultur der Fanzines wurde weiter ausgedünnt. Trotzdem: Von britischen Verhältnissen in Sachen Media-Stores ist in Wien, mit oder ohne Megastore in der Mariahilfer Straße, nur zu träumen. (kg)

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    foto: andy urban
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