Die lange Geduld des Mahmud A.

11. Februar 2005, 17:03
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Der neue Palästinenserpräsident glaubt noch an ein Abkommen mit den Radikalen - Ein Kommentar von Ben Segenreich

Bemerkenswert wenig Geduld haben die Israelis mit Mahmud Abbas gezeigt. Es dürfte in der Geschichte einzigartig sein, dass die "Schonzeit" eines Politikers - die unter Gentlemen gewöhnlich auf 100 Tage bemessen wird - schon abläuft, noch ehe er seinen Amtseid geleistet hat.

Nach dem Anschlag auf den Grenzübergang Karni Donnerstagnacht schien Ariel Sharon zunächst ja noch zur Tagesordnung übergehen zu wollen, doch gut 20 Stunden danach überraschte Israels Premier Freund und Feind mit der Entscheidung, alle Kontakte mit der Palästinenser-Behörde einzufrieren. "Das Ende des Honigmonds", titelte dann schon ein israelisches Blatt, und der rechtslastige Likud-Minister Zachi Hanegbi war mit der Schnelldiagnose bei der Hand, dass Abbas "sich als zweiter Yassir Arafat entpuppt hat, nur im Anzug statt in Uniform."

Das ist natürlich hochgradig unfair, schon allein was den Anzug betrifft, der nach der Arafatschen Revolutions-theatralik eine wohltuende neue Sachlichkeit signalisiert. Den Friedenswillen, der bei Arafat geheuchelt wirkte, kann man seinem Nachfolger wohl glauben. Schon vor gut zwei Jahren hatte Abbas, seinem Image eines saft- und kraftlosen Apparatschik zum Trotz, mutig zu predigen begonnen, dass "die Intifada in ihrer Gesamtheit ein Fehler war und nicht fortgesetzt hätte werden sollen - speziell das, was die Militarisierung der Intifada genannt wird".

In seiner kurzen Amtszeit als Premierminister Mitte 2003 hat Abbas dem damaligen "Rais" dann immer wieder die Stirn geboten, ehe er sich, von Arafats Tricks und den Einschüchterungsaktionen der Tansim-Banden zermürbt, aus der Politik ins innere Exil zurückzog. Bis zu Arafats schwerer Erkrankung weigerte sich Abbas beharrlich, mit "dem Alten" auch nur zu reden. Deshalb war es fürs Publikum beinahe komisch, als Abbas im Wahlkampf und zuletzt bei seiner Antrittsrede aus durchsichtigen Gründen immer wieder salbungsvoll dem "Kommandanten Yassir Arafat" huldigte.

Die Vorbehalte gegenüber der Selbstmordterror-Intifada sind bei Abbas auch mit einem offenbar ehrlichen Reformwillen verknüpft. "Wir müssen unser Haus in Ordnung bringen", und "das Chaos der Waffen muss beendet werden" - das sind zwei Formeln, mit denen Abbas identifiziert wird und die belegen, dass er das Kernproblem der Palästinenser zumindest erkannt hat.

Dass, wie es bisher in der palästinensischen Gesellschaft praktiziert wurde, eine Zentralregierung achselzuckend auf das Gewaltmonopol verzichtet und jedes Grüppchen, das mit ein paar Kalaschnikows herumfuchtelt, als gleichberechtigten Partner respektiert - das dürfte auf der Welt (mit der bezeichnenden Ausnahme des Libanon und seiner Hisbollah-Miliz) wohl einzigartig sein. Abbas hat es dabei nicht nur mit der disziplinierten äußeren "Opposition" der Hamas zu tun, sondern darüber hinaus mit den wilden Privatmilizen in Jenin oder im südlichen Gazastreifen und mit den "Märtyrerbrigaden" in der eigenen Fatah-Bewegung - ganz abgesehen von den personellen Überschneidungen aller dieser Schichten mit der Autonomiepolizei selbst.

Der neue Chef hat also sicher bisher zu wenig Zeit gehabt. Aber tut er auch das Richtige, um die Zeit zu nützen? Wie konnte der designierte Präsident etwa eng umschlungen mit dem Erzterroristen Zakariya Zbeidi durch die Gassen von Jenin paradieren - hat er das illegale Gewehr an dessen Schulter nicht gesehen? Und da im Gazastreifen der Polizeiapparat im Wesentlichen noch intakt ist - warum lässt Abbas nicht umgehend einige Tausend seiner Polizisten im Raum von Beit Lahya ausschwärmen, um den paar Raketenwerferkommandos zumindest das Leben zu erschweren?

Abbas glaubt eben weiterhin daran, die Terrorgruppen zu einem Waffenstillstand überreden zu können. Doch die Hamas wird sich nicht plötzlich in einen Pfadfinder-verband verwandeln, und deshalb bleibt vorläufig alles beim Alten. (DER STANDARD, Printausgabe, 17.1.2005)

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