"Musik entsteht wie eine Wasserquelle"

29. Juli 2005, 19:58
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Die rumänische Komponistin Violeta Dinescu im Interview mit dieStandard.at über das Musik-Schreiben als Frau

"Warum schreibe ich Musik? - Aus dem Wunsch heraus, andere zu erreichen."
(Violeta Dinescu)

Sie gilt als eine der bedeutendsten Komponistinnen der Gegenwart: Ihr umfangreiches Werk reicht von Instrumentalmusik über Chorliteratur, Filmmusik, Gesangs- und Ballettkompositionen bis hin zu Opern, für Kinder wie für Erwachsene. Sie liebt das Moderne wie die Tradition, bringt Kästner ("Der 35. Mai") oder Zweig ("Schachnovelle") genauso zum Klingen wie "Mondnächte" oder "Tautropfen".

Geboren 1953 in Bukarest studiert Violeta Dinescu zunächst Komposition, Klavier und Pädagogik am dortigen Konservatorium, dem ausgezeichneten Abschluss folgt ein Lehrauftrag an der George-Eunescu-Musikschule in Bukarest. Es entstehen die ersten Kompositionen. 1980 wird die begabte Künstlerin in den rumänischen Komponistenverband aufgenommen, verbunden mit ersten Konzerten, Rundfunkaufzeichnungen und Preisen.

Ein Stipendium führt die junge Komponistin 1982 nach Deutschland, wo sie seither lebt. Es folgen Lehrtätigkeiten in Heidelberg, Frankfurt, Bayreuth und in den USA. Seit 1996 arbeitet sie neben ihrem Kompositionsschaffen als Professorin für Angewandte Komposition an der Musikuniversität Oldenburg. Sie setzt sich in dieser Funktion stark für die aktuelle Musik ein, hat eine eigene Vortragsreihe für junge Komponistinnen eingerichtet und leitet ein Archiv für Neue Musik mit Schwerpunkt Osteuropa. Daneben erntet(e) sie viele namhafte Kompositionsaufträge, Stipendien und Preise. Im Frauenmuseum Bonn läuft derzeit eine Fotoausstellung rund um ihr Werk (siehe Kasten links).

dieStandard.at:Wann ist erstmals bei Dir der Wunsch zu komponieren aufgetaucht?

Violeta Dinescu:Ich kann es nicht in Zeit lokalisieren...Sicher war es eine Art Schockerlebnis als mein Vater, als ich etwa 5 Jahre alt war und wir zurück vom Kino nach Hause kamen versuchte, am Klavier die Filmhauptmelodie, das Leitmotiv, wieder zu finden. Er hat nie Klavier gelernt, hat sich aber selbst etwas beigebracht, entdeckte immer die Musik die er gehört hat nach dem Gehör ohne dass er eigentlich die Noten konnte. Er ließ mich die Melodie auch suchen und dann - das ist der Moment - unterbrach er mich und sagte:"Warum suchst du nicht DEINE Melodie?" - und ließ mich nicht weg, bis ich nicht eine Melodie erfunden hatte.

Ich weiß, dass es mir fast weh tat, zu suchen...dieses Gefühl war neu für mich und ich habe es nie vergessen. Irgendwann verwandelte sich der Schmerz in Freude...Mein Vater hat mich nie wieder danach gefragt - und war eigentlich nur sehr spät, cirka 30 Jahre später, zufrieden, dass ich die Musik als Beruf ausgesucht habe.

dieStandard.at: Gibt es so etwas wie ein "weibliches" Komponieren? Einen Unterschied zur Kompositionsweise der männlichen Kollegen?

Violeta Dinescu:Ich weiß es nicht. Wenn man ohne zu wissen, wer komponierte, die Musik wahrnimmt, glaube ich nicht, dass man identifizieren kann, ob der Komponist weiblich oder männlich war. Was beim Schöpfungsprozess passiert, ist nach diesem Gesichtspunkt glaube ich, schwer zu identifizieren. Die Häfte von Beethoven, die aufbewahrt worden ist, zeigt einen einmaligen Arbeitsprozess - ich bin mir aber sicher, dass auch eine Frau diese Arbeitsweise haben könnte: intuitiv, spontan,...wie ein Fresko.

dieStandard.at:Weibliche Komponisten wurden lange Zeit aus der Musikkultur ausgeblendet – wie erlebst Du heute die Präsenz von Komponistinnen in der Musikwelt? Ist die Akzeptanz gleich wie die der männlichen Kollegen?

Violeta Dinescu:Sicher ist die Situation besser geworden. Man hat so viel spekuliert in Sachen Akzeptanz...Es ist sicher wahr, dass die Gesellschaft einen negativen Druck gehabt hat und dass Frauen einfach nicht zu "Wort", besser gesagt zum "Klang" kamen, aber..."Mais, mais, mais - il y a beaucoup de mais" wie die Franzosen sagen ("Aber, aber, aber.....es gibt so viele aber").

Man sollte die Leistung jedenfalls an der Qualität messen und nicht am Geschlecht. Wenn ich an die traditionelle Musik denke, ist die weibliche Kreativität manchmal sogar stärker als die männliche und niemand dachte dabei, dass man sie unterdrücken soll. Manchmal haben Frauen sogar eine wichtige, sinnvolle, einmalige Funktion gehabt, die respektiert und kultiviert war - wie auch umgekehrt: Ich denke da zum Beispiel an das vorchristliche, magische Ritual "Calusari" in Süd-Rumänien, das nur von Männern im Geheimen vorbereitet und dann kollektiv aufgeführt wurde.

dieStandard.at:Welche Komponistinnen findest Du persönlich interessant? Hast Du selbst ein konkretes weibliches Vorbild?

Violeta Dinescu:Ja, meine Lehrerin Myriam Marbe.

dieStandard.at:Was inspiriert Dich bei Deiner Arbeit, woraus gewinnst Du Deine Motive zum Musik-Schreiben?

Violeta Dinescu:Das ist eine polyphone Situation. Man könnte es vergleichen mit der Entstehung einer Wasserquelle: So viele kleine Spuren, Filigranspuren von Wasser... und dann irgendwann ist es so weit, dass es Kraft hat und nach diesem Impuls kann man das Wasser nicht mehr stoppen. Es muss weiterlaufen - es muss geschrieben werden.

dieStandard.at:Deine Klangwelt und Dein Repertoire sind sehr vielfältig – von Filmmusik über Kammermusik bis hin zur Oper. Was komponierst Du am liebsten?

Violeta Dinescu:Eigentlich alles, was mich gerade interessiert, fast immer abwechselnd. Nachdem ich zum Beispiel meine Ionesco-Oper "Hunger und Durst" geschrieben hatte brauchte ich die Kinderoper "Der 35. Mai" wie man frische Luft braucht, nachdem man lange Zeit in einem Keller war.

dieStandard.at:Dein Werk ist sehr stark von den Melodien deiner Heimat Rumänien geprägt – wie sieht es dort mit der Tradition weiblicher Komponistinnen aus?

Violeta Dinescu:Es gibt eine sehr starke Tradition, die weiblich ist. Übrigens habe ich kein Stück geschrieben, dass man rhapsodisch nennen kann - es gibt nie ein Zitat. Es geht mehr um die Aura der Klänge, die Redeweise, "Klangredeweise", so etwas wie Sprachklang, an dem man erkennt, woher es kommt...und das nicht immer. Manchmal sind diese "Quellen" so tief, dass man sie nicht mehr spürt, obwohl sie da sind. So wie es ist, wenn man sehr weit weg verreist.

dieStandard.at:Lange Zeit wurden Komponistinnen nur die kleinen Musikformen wie Lieder oder Klavierwerke zugestanden – gibt es heute noch Vorurteile, wenn sich Frauen an Opern oder Symphonien heranwagen?

Violeta Dinescu:Mir ist es sogar passiert, dass man mir nicht zutraute, eine "normale" Oper schreiben zu können - so bekam ich den Auftrag für die Kinderoper. Das hat mir damals nicht gefallen, aber es hat meine Arbeit nicht verhindert. Ich weiß nicht, ob mir das auch als Mann passiert wäre.

dieStandard.at:Du arbeitest auch als Musikprofessorin an der Universität Oldenburg – welche Ratschläge gibst Du jungen Frauen, die den Wunsch haben, Komponistin zu werden?

Violeta Dinescu:Ich gebe keine Ratschläge. Ich bin einfach dabei und versuche, ein guter Gesprächspartner zu sein. Es wirkt Wunder, wenn man Interesse hat, mit Interesse zuhört...

dieStandard.at:Was möchtest Du unbedingt noch komponieren? Hast Du einen Herzenswunsch?

Violeta Dinescu:Ich habe viele davon...

dieStandard.at:Und was sind Deine konkreten nächsten Projekte?

Violeta Dinescu:Ein Klavierstück für den Internationalen Klavierwettbewerb in Bremen.

Das Interview führte Isabella Lechner.

  • Die rumänische Komponistin Violeta Dinescu zählt zu den erfolgreichsten Komponistinnen der Gegenwart.
    foto: dinescu.net
    Die rumänische Komponistin Violeta Dinescu zählt zu den erfolgreichsten Komponistinnen der Gegenwart.
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