Der Verrat und die Rache

7. Februar 2005, 11:42
posten

Die italienische Autorin Simona Vinci über eine Kindheit in Kriegszeiten

Die Italienerin Simona Vinci ist nichts für schwache Nerven oder für LeserInnen, die noch der Illusion einer per se unschuldigen Kindheit anhängen. Die 1970 geborene Autorin hat schon in ihrem hochgelobten Erstlingsroman "Von den Kindern weiß man nichts" (1998) die schockierenden Machtspiele von Jugendlichen geschildert. Auch diesmal wird aus der Perspektive eines elfjährigen Buben erzählt, und wieder ist diese Welt der Kinder von der der Erwachsenen vollkommen getrennt. Getrennt durch Geheimnisse, Verlust des Urvertrauens und Sprachlosigkeit.

Pietro wird von heute auf morgen in ein Internat gesteckt. Seine bewunderte, schöne Mutter hat ihn im Stich gelassen. Das katholische Internat birgt fast schon klischeehaft die üblichen Schrecknisse und Unmenschlichkeiten, insofern bereitet es das verstörte Kind auf das Kommende vor. Pietro ist seiner Mutter lästig geworden, Kinder beobachten zu gut, spionieren einen aus. Und das kann sie mitten im Zweiten Weltkrieg nicht brauchen. Man fraternisiert mit den Faschisten, die Mutter hat einen deutschen Besatzer zum Liebhaber, der gleichzeitig ihr Rauschgiftlieferant ist.

Pietro sucht sich die Mosaiksteine der brutalen Realität zusammen. Der ermordete Mann am Fluss, der seltsame Tod der Spielgefährtin, die zu viel wusste, die albtraumhafte Hinrichtung des ersten Mädchens, mit dem er erotische Erfahrungen teilt: In Bruchstücken, Rückblenden, Tagebuchnotizen enthüllt sich eine Geschichte, in der es keine Unschuldigen gibt. Auch der erbärmliche Lebensweg von Pietros Mutter entfaltet sich in diesen Fragmenten vor dem Hintergrund des Zeitgeschehens.

Vinci belässt die Historie im Privaten; umso mehr sind die Menschen den ihnen diktierten Bedingungen ausgeliefert. Und die Kinder müssen sich in einer doppelt surrealen Welt zurechtfinden, weder die großen noch die familiären Zusammenhänge können sie entschlüsseln. Aber sie können sich rächen . . . Vinci entfaltet besonders in den Naturschilderungen eine eisklare, poetische Sprache, ihr Geflecht aus Rückblenden, Tagebuchnotizen und inneren Monologen kreist um ein zentrales Thema: Verrat. (DER STANDARD, Print, 15./16.1.2005)

Von Ingeborg Sperl

Simona Vinci
Nachmittags, wenn alle schlafen.
Deutsch von Constanze Krings
€ 23,60/365 Seiten
Piper, München 2004
ISBN: 3492046401

  • Artikelbild
Share if you care.