"Schmerzhafter Klärungsprozess"

19. Dezember 2005, 15:02
36 Postings

Die SPÖ hat sich mit Nazi-Karrieren in eigenen Reihen auseinander gesetzt - Studienautoren sehen allerdings auch bei der ÖVP Handlungsbedarf

Wien - "Natürlich ist es für jene, vor allem Jüngere, die sich heute im BSA engagieren, eine schwere Belastung mit dieser Vergangenheit umzugehen." Caspar Einem, Präsident des "Bundes Sozialdemokratischer Akademiker" (BSA), zeigte sich am Freitag bei der Präsentation des Endberichts zu den "Brauen Flecken" in der SP-Teilorganisation äußerst nachdenklich.

Wenig Wunder, haben doch die beiden Autoren, die Historiker Wolfgang Neugebauer und Peter Schwarz, auf 335 Buchseiten ("Der Wille zum aufrechten Gang", Czernin Verlag) akribisch jenes dunkle Kapitel, das Buhlen um frühere Nationalsozialisten, aufgearbeitet (DER STANDARD berichtete). Der Klärungsprozess sei schmerzhaft, aber nötig, so Einem, sonst bestehe "keine Chance, dass die Wunden heilen".

Die Liste der Verfehlungen ist lang: Die SPÖ habe es verabsäumt, eine Einzelfallprüfung durchzuführen. Es wurden "unterschiedslos" (Neugebauer) alle ehemaligen Nazis gefördert. Auch habe man von den Ehemaligen keine Abkehr vom NS-Gedankengut verlangt, so Schwarz.

Neben dem NS-Psychiater Heinrich Gross, dessen Fall Auslöser für die Studie war, werden weitere Karrieren vor und nach dem Zweiten Weltkrieg kritisch nachgezeichnet.

Das ehemalige SA- und SS-Mitglied Johann Biringer schafft es zum Leiter der Bundespolizeidirektion Salzburg. Der Wiener Franz Scheidl, ab 1934 NSDAP-Mitglied, wurde später Lehrbeauftragter für Arbeitsrecht an der Uni-Wien. Ende der 60er Jahre taucht er als Holocaust-Leugner wieder auf.

Schwarz wie Neugebauer wiesen aber darauf hin, dass die VP-Spitzen etwa im Justizbereich mehr NS-Vertreter in hohe Posten gehievt haben als die SPÖ. Als Intervenierer erwähnte er Leopold Figl, Alfons Gorbach und Julius Raab. Neugebauer sieht auch hier "Handlungsbedarf".

Für die ÖVP beschäftigt sich das Karl von Vogelsang-Institut mit dem Thema. Dessen Vorstandsvorsitzender, Dieter Binder, will in Hinblick auf die Interventionspraxis "momentan noch vorsichtig sein mit dem Quantifizieren". Dennoch müsse man sich damit auseinander setzen, "wer mit welchem Ticket rasch entnazifiziert und wieder in Spitzenpositionen gekommen ist". (pm, kmo/DER STANDARD, Printausgabe, 15.1.2005)

Share if you care.