Hirnschmalz gefragt

22. Februar 2005, 16:02
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Luise Ungerboeck über die Frühpensionierungen bei der ÖBB und darüber warum man sie tunlichst vermeiden sollte

Es gibt viele gute Gründe, warum Eisenbahner in Frühpension geschickt werden. Weil es zu viele von ihnen gibt (insgesamt rund 45.000) und sie bei der Bahn nicht mehr gebraucht werden. Weil sie de facto pragmatisiert sind und nur dann gekündigt werden können, wenn sie die sprichwörtlichen silbernen Löffel gestohlen haben.

Und, so paradox es klingt: weil sie dem Staat, der sich das System Schiene jährlich rund 4,3 Milliarden Euro kosten lässt, als Pensionisten billiger kommen, als wenn sie aktiv bleiben. Denn der Aktivbezug steigt mit den automatischen Vorrückungen stärker als die Pension. Warum sich das Bahnmanagement der angeblich 10.000 überzähligen Eisenbahner möglichst rasch entledigen will, sollte also hinlänglich argumentiert sein.

Es gibt freilich auch ebenso viele gute Gründe, warum Eisenbahner nicht mit 53, 45 oder gar 39 Jahren in Frühpension geschickt werden sollten, wie dies bei Post und Telekom Austria bereits exzessiv vorexerziert wurde: weil es schlicht und einfach ungerecht ist.

Die große Mehrheit der Arbeitnehmer muss deutlich länger im Berufsleben stehen (sofern sie bis dahin überhaupt einen Job hat). Wer vor 65 in den Ruhestand wechseln will, muss empfindliche Abschläge hinnehmen.

Das müssen die Eisenbahner künftig zwar auch, ihnen will die ÖBB, also der Staat, die Verluste aber üppig abgelten. Die Ungerechtigkeit setzt sich also fort, denn Frühpension im Greisenalter von 40 gibt es sonst nur bei Invalidität oder Berufsunfähigkeit.

Es gäbe natürlich auch noch einen dritten Weg: Anstatt möglichst viele Dienstleistungen und Teilbetriebe an die - schließlich auch nicht gratis arbeitende - Industrie auszulagern, könnte die Bahn ihre Eisenbahner selbst beschäftigten. Aber dazu bräuchte es Hirnschmalz. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 15.01.2005)

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