Zuschauer, du treuloses Wesen

27. Dezember 2005, 16:39
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Wohin mit dem Fernsehen in den nächsten 50 Jahren? Gewinnspiele, Bonusmeilenprogramm ...

Sie sammeln Bonusmeilen? Qualibuyer im Baumarkt? Billa-"Treuepunkte" für den Wok von WMF? Subway-Rabattmarken für das Gratissandwich nach zehn bezahlten? Die Fernsehwelt wird Sie bald noch inniger lieben!

ProSieben etwa versucht, Sie längst mit Gewinnspielen am Wegzappen zu hindern: Die passende SMS kann nur dem Sender schicken, wer das Programm lange genug verfolgte, um die richtige Zeichenfolge eingeblendet zu sehen.

Premiere, in Österreich bekannt als Monopolbrecher im Fernsehfußball, startet Montag eine Art Bonusmeilenprogramm. Vielnutzer und -besteller werden mit Reisen belohnt, zum Beispiel zum Finale des UEFA-Cup, nach Hollywood oder zur Verleihung wenn schon nicht der Oscars, dann zumindest der Golden Globes.

Wozu der Aufwand?

Wozu der Aufwand? Beim Abofernsehen kostet jeder Monat, der besonders aktuelle Spielfilm sogar noch extra. Da muss man Kunden pflegen. Aber Treueprämien beim frei empfangbaren Privatfernsehen?

Treulos war das Publikum ja schon immer. Jedenfalls seit den Achtzigern mit Kabel, Satellit und deutschem Privatfernsehen. Doch inzwischen droht Schlimmeres. Nicht dem Konsumenten, aber umso mehr den Sendern.

Festplattenrekorder statt VHS oder DVD, tunlichst intelligente nämlich, weshalb die Dinger auch PVR getauft wurden: Personal Videorecorder. TiVo, der bekannteste unter ihnen, ist so neu nicht mehr. Sieben Jahre gibt es die US-Firma. Die guten Stücke verbreiteten sich bisher nicht rasend schnell. Aber acht Millionen der 108 Millionen US-Haushalte nützen die Geräte schon. Heuer erwarten die Marktforscher – wieder einmal – ein explosionsartiges Wachstum auf 21 Millionen. Wer solche Geräte hat, klingt jedenfalls meist begeistert. In Europa waren es Ende 2003 zwischen 500.000 und einer Million, berichtet die RTL-Vermarkterin IP, vornehmlich in Großbritannien und Frankreich.

Warum die Aufregung?

Der IP-Mutter RTL sind diese PVRs offensichtlich ein besonderer Dorn im Auge: Gegen einen deutschen Vertreter dieser Gattung mit dem hübschen Titel "Fernsehfee" ging der Sender bis in die höchsten Instanzen – und verlor.

Warum die Aufregung? Fernsehfee, TiVo & Co ermöglichen dem p.t. Fernsehpublikum, laufende Programme mittendrin anzuhalten, um ein Bier aus dem Kühlschrank zu holen oder das vorige loszuwerden. Dank Festplattenaufzeichnung steigen sie an jener Stelle des Films oder der Show ein, an der sie die Couch verlassen haben. Damit können die Zuschauer aber auch Werbeblöcke ratzfatz überspringen.

Dummerweise leben Medien wie das Fernsehen von Werbung. Privatsender wie RTL oder Pro Sieben fast ausschließlich, der ORF noch zu mehr als einem Drittel.

Pay-TVs wie Premiere oder Angeboten der UPC Telekabel hingegen bringen diese Festplattenrekorder kombiniert mit passenden TV-Decodern Vorteile. Die feinste Anwendung ist Video on demand: gewünschter Film auf Abruf, wann immer ich will. Bisher müssen Anbieter dafür unzählige Kanäle mit ein und demselben Filmprogramm belegen, das jeweils um eine Viertelstunde versetzt beginnt, um in die Nähe von "Sehen, wann ich will" zu kommen.

Abruf auf Knopfdruck

Nun aber kann der Programmanbieter Filme über Nacht auf die Festplatte im trauten Heim spielen. Abruf auf Knopfdruck – gegen Geld.

Manche Kabelnetze gehen den umgekehrten Weg, etwa in Ried im Innkreis. Der Rekorder steht quasi beim Netzbetreiber. Und liefert auf Abruf die gestern versäumte Folge von "24".

So richtig intelligent werden die PVRs aber, wenn sie auf elektronische Programmführer zurückgreifen können, die ihnen (und dem Zuschauer) zu jeder Sendung alle Details verraten – von Genre bis Regisseur und Besetzung.

Wie amazon.com registriert der Recorder dann das Nutzungsverhalten und macht Vorschläge. Freunden von "Sex and the City" zum Beispiel, ihnen ein paar Folgen von "Desperate Housewives" aufzunehmen. Oder Filme von Regisseur oder Star XY. Ganz unabhängig davon, auf welchem Kanal sie laufen, ob RTL, Sat.1 oder ORF. Wo bleibt da noch Platz für Treue? (DER STANDARD; Printausgabe, 15./16.1.2005)

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