60, 50, 10 und 5 Jahre

11. Februar 2005, 17:03
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Das Jubiläums-Jubel- Gedenk- Gedankenjahr beginnt mit floskelüberladenen Redeornamenten - von Barbara Tóth

Nun also hat es offiziell begonnen, das Jubiläums-Jubel- Gedenk- Gedankenjahr. Mit floskelüberladenen Redeornamenten - und dahinter viel politischer Absicht. Denn der Prozess des Feierns und Erinnerns ist immer auch verknüpft mit der politischen Erlangung von Deutungshoheit über das, was war, ist und sein wird. Sechzig Jahre nach Gründung der Zweiten Republik erleben wir, wie die beiden großen Parteien, die an der Wiege dieses Staates standen, um das Bild ringen, das im Jubiläumsjahr in den Köpfen der Menschen von Österreich entstehen soll.

Die ÖVP hat dabei einen unschätzbaren Vorteil: Als Regierungspartei steht ihr der offizielle und der inoffizielle - auf dem Küniglberg gelegene - Öffentlichkeitsarbeitsapparat des Landes zur Verfügung. Wäre die SPÖ an der Regierung, hätte sie es wohl nicht viel anders gemacht. Dass die Herrschenden versuchen, Herrschaftsgeschichte zu schreiben, liegt in der Logik der Macht. Überraschend ist daher nicht, wie konsequent Kanzler Wolfgang Schüssel sich als Erbprinz schwarzer Staatsfürsten der ersten Stunde wie Raab und Figl inszeniert.

Überraschend ist, wie wenig das andere Österreich Schüssels Hagiografie entgegenzusetzen hat. Denn so bestechend ist sie dann auch wieder nicht: Geschickt verknüpft er 60 Jahre Zweite Republik, 50 Jahre Staatsvertrag, zehn Jahre EU-Beitritt mit einem weiteren "Jubiläum": fünf Jahre Schwarz-Blau. Oder besser: fünf Jahre schwarze Kanzlerschaft. Denn für die FPÖ lässt die ÖVP beim Jubeln nicht viel Platz. Überzeugende Antworten auf die von ihm selbst aufgeworfene Frage, wer wir sind und wohin wir gehen, lieferte Schüssel dabei nicht. Sein Machtanspruch klebt plump an Personen und Perioden - und an seinem zugegeben starken Willen weiterzumachen. (DER STANDARD, Printausgabe, 15./16.1.2005)

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