"Gedenkjahr": Weit gehend einfallslos

15. April 2005, 16:50
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Das "Gedenkjahr" 2005 im ORF - Kritik und Reflexion sind darin scheinbar nicht vorgesehen

Ganz nonchalant erinnerte ORF-Historikerin Helene Maimann kürzlich in der Presse daran, dass der ORF ihr den Begriff "Gedankenjahr" zu verdanken hätte. Sie beschreibt ein Brainstorming beim Kaffee mit Programmkoordinator Wolfgang Lorenz: "Gedenken, bedenken, versenken ... Denn meine Gedanken / zerreißen Schranken ..." Und plötzlich plumpst es raus: "'Gedankenjahr', sage ich." Eine Woche später habe es Bundeskanzler Wolfgang Schüssel ausgerufen.

Es ist Maimanns gutes Recht, auf die Urheberschaft eines Begriffes zu verweisen, der uns in seiner frömmelnden Eigentümlichkeit ein ganzes Jahr begleiten wird. Dankesreden wird sie dennochnicht erwarten dürfen. Dafür sorgt nicht nur eine Bundesregierung, die Erdäpfel am Heldenplatz pflanzen und nächtliche Bombenangriffe inszenieren will. Auch ihr eigener Arbeitgeber lässt zweifeln, dass zumindest im Planungsprozess für den größten Programmschwerpunkt in der Geschichte des ORF das getan wurde, wozu Maimann aufrufen wollte: nämlich nachzudenken.

Null Risikobereitschaft

Davon ist bis jetzt wenig zu bemerken. Im Zusammenhang mit den Jubiläen "60 Jahre Zweite Republik", "50 Jahre Staatsvertrag" und "50 Jahre Fernsehen" verrät ein Blick ins Programm, wofür Millionen ausgegeben wurden: Geboten wird Herkömmliches, kaum Innovatives, null Risikobereitschaft. Vergessen wir nicht: Wer, wenn nicht eine öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt, könnte sich derlei leisten? Die Gelder werden in staatstragende Formate investiert, der Bundeskanzler wird seine Freude am Programm haben. Die Zuschauer? Eher weniger, wie die sinkenden Marktanteile der Ära Lindner beweisen.

Mit Hugo Portisch etwa setzte man auf eine sichere Bank. Medial aufbereitete Zeitgeschichte ist hier zu Lande ohne Portisch nicht vorstellbar, Millionen werden sich ab April daran erfreuen. Selbstverständlich ist seine staatstragende Reihe über "Die Wiedergeburt Österreichs" unverzichtbar. Das gilt auch für "Die Alliierten in Österreich" ab September. Andreas Novak, Robert Gold und Thomas Matzek tragen spannendes Archivmaterial aus New York, Washington, London, Paris oder Moskau zusammen. Richtig und wichtig.

Halbherzig Einfallsloses

Weit gehend überwiegt freilich halbherzig Einfallsloses. "50 Jahre österreichische Kulturgeschichte", um nur ein Beispiel zu nennen, ließen sich wahrhaft anregender nachzeichnen als in einer 45-minütigen Dokumentation zu nachtschlafender Zeit.

Viele Interessen wurden bedient, bisweilen gehen nationale Anliegen in pures Werbefernsehen über: "50 Jahre Bundesheer" arbeitet FPÖ-Mann Walter Seledec auf – finanziert vom österreichischen Bundesheer. Zum Zug sollen endlich auch die Bundesländer kommen, wenigstens einmal in diesem Jahr: Am 15. Mai zeigen sie typische Regionen und symbolträchtige Orte samt – originell! – Porträts von Menschen, die an diesem Tag ihren 50. Geburtstag feiern

Damit sind ausdrücklich nicht die Filmschaffenden kritisiert. Man weiß, wofür sie stehen. Hoch an der Zeit wäre es allerdings, einmal andere anzusprechen als übliche Verdächtige. Eine komatös verharrende Wissenschaftsabteilung fügt sich in das Dilemma nahtlos ein.

Schäfchen-ins-Trockene-bringen-Strategie

Maimanns "A Letter to the Stars – Teil 2" sticht hier noch am ehesten hervor. Für das Projekt, bei dem Tausende Schüler überlebende Verfolgte des NS-Regimes befragten gibt es mit 21.20 Uhr am 7. Mai sogar eine gute Sendezeit.

Die Schäfchen-ins-Trockene-bringen-Strategie wird im U-Fach fortgesetzt: Will der ORF anspruchsvoll unterhalten, fällt schnell der Name Harald Sicheritz. Er kann mit seiner Jubiläumsausbeute zufrieden sein: Gleich für zwei Projekte bekam er den Zuschlag. "Im Reich der Reblaus" ist nur der Teil 1 einer Reihe, die fünf Episoden haben soll. Zudem verfilmt er auch Alfred Dorfers "11er-Haus". Hätte man nicht wenigstens ein Projekt an Junge abgeben können?

Hätte man nicht. Beobachter sprechen bereits von "Schüssels Masterplan". Der vorausschauende Bundeskanzler wolle sich die nächste Wahl sichern.

Deshalb würden auch Skeptiker unter den arrivierten Filmern mit Aufträgen versehen, frei nach dem Motto "Win them over". Kritik und Reflexion sind darin scheinbar nicht vorgesehen. (Doris Priesching/DER STANDARD; Printausgabe, 15./16.1.2005)

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    foto: orf
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