Auf dem Ohr stellt sich der ORF taub

7. Februar 2005, 17:39
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Hörbehinderte erneuern Forderung nach mehr Programm - nicht nur via Digitalsatellit

Seit einem Jahr sind Gehörlose und Hörbehinderte nicht mehr automatisch von den Rundfunkgebühren befreit. Trotz 100 Prozent Gebühr können sie 85 Prozent des Programms nicht wahrnehmen.

Wer mehr verdient, zahlt voll

10.000 gehörlose Menschen gibt es in Österreich, eine halbe Million ist schwerhörig. Neben dem ärztlichen Attest müssen sie nun auch ein geringes Einkommen nachweisen - bis 1154 Euro monatlich zum Beispiel für zwei Personen im Haushalt. Wer mehr verdient, zahlt voll, bekommt dafür aber nur rund 278 von 1440 Stunden Fernsehprogramm pro Monat untertitelt. Mehr als ARD und ZDF zusammen, betont der ORF.

Wiederholungen sind da schon eingerechnet: Neu untertitelt werden pro Monat rund 115 Stunden Programm.

Die helfen schwerhörigen ORF-Konsumenten, nicht aber gehörlosen Erwachsenen und Kindern, die Deutsch als Schriftsprache nur ungenügend beherrschen.

"Zeit im Bild 1" wird nun live übersetzt

Ein halbes Jahr waren die Gebührenbefreiungen schon erschwert, bis der ORF eine langjährige Forderung der Gehörlosen erfüllte: Die "Zeit im Bild 1" wird live in österreichische Gebärdensprache übersetzt. Ein großer Fortschritt für Gehörlose, die sich bis dahin mit 15 Minuten gedolmetschtem Weltgeschehen in der "Wochenschau" am Sonntag begnügen mussten.

Kleines Angebot als Gegenleistung für die volle Gebühr

Ein Fortschritt, doch - DER STANDARD berichtete - nicht für alle: Nur über den digitalen Satellitenableger ORF 2 Europe ist diese Version zu empfangen. Den Gehörlosenbund stören daran nicht alleine die Anschaffungskosten für einen Digitalreceiver, um das Satellitenprogramm zu empfangen. Er stößt sich an dem weiterhin kleinen Angebot für Gehörlose als Gegenleistung für die volle Gebühr. Vor allem aber kritisiert er, dass so der Großteil der österreichischen Bevölkerung weiterhin nicht in Kontakt mit der Minderheitensprache kommt. Im Bayerischen Rundfunk produzieren Gehörlose für Gehörlose eine eigene Sendung.

Die "Interessengemeinschaft Sehen und Hören" vertritt Hörbehinderte. Ihre Briefe werden auf dem Küniglberg offenkundig nicht wirklich genau gelesen: In einem Antwortschreiben verweist Generaldirektorin Monika Lindner auf die Ausweitung des Angebots für Sehbehinderte. Dem STANDARD liegt dieser Brief vor.

Nur Albanien mit weniger Programm für Gehörlose im öffentlich-rechtlichen Rundfunk

Eine Untersuchung des Gehörlosenbundes aus dem Jahr 2003 attestiert übrigens in Europa nur Albanien weniger Programm für Gehörlose im öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Etwas aufgeholt hat der ORF bisher nur bei Gehörlosen mit digitalem Satellitenempfang. (Astrid Kuffner/DER STANDARD, Printausgabe, 14.1.2005)

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    Das ORF-Logo betont das Handicap ...

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    ... jenes der Gehörlosen ihre Sprache.

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