Syrische Passion

3. Oktober 2005, 15:30
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Im Schatten des Nahostkonflikts bewahrt Syrien sein beispielloses kulturelles Erbe

Ende der 90er-Jahre war es, da lehnte die amerikanische Vorhut im Wüstentarnanzug an der Mauer einer Außenstelle des Verteidigungsministeriums in Damaskus, komplett mit sandfarbenem Halstuch und einer Sonnenbrille aus dem Star-Trek-Ensemble. "Jeez, is that gun loaded?", witzelte der Mann, der sich später als der bekannte Selfmademan und Bestseller-Autor William B. Williams vorstellen sollte (wahrscheinlich nicht identisch mit einer gleichnamigen US-Comedy-Größe oder gar dem Philosophen William B. Williamson), und nun erst einmal Freundschaft mit einem syrischen Wachsoldaten zu schließen versuchte.

William und seine rund 20 Jahre jüngere Freundin Jenny "Schnickel-Schnackel", auch sie im Tarnanzug, wollten den Süden inspizieren, wofür man ein besonderes Papier des Ministeriums braucht, denn 60 Kilometer nach Damaskus, wo die Golanhöhen ansteigen, beginnt der Kalte Krieg mit Israel. Weil noch viel Platz in der Mietlimousine war, fuhren wir gemeinsam. William drückte das Gaspedal durch und ignorierte mit großer Ausdauer das Klingeln der elektronischen Geschwindigkeitskontrolle. Die Lage an der Front war o.k., soweit wir das beurteilen konnten, die UNO-Soldaten freundlich, und Kuneitra, das letzte Dorf an der Demarkationslinie, so zerbombt und verlassen, wie es die syrische Regierung nach dem Oktoberkrieg 1973 als Mahnung bewahren wollte.

In Quanawat ließen wir kurz die Fensterscheiben herunter, um ein paar Bilder vom "Serail" zu machen, einer mehrfach umgebauten Tempelanlage (2. bis 5. Jahrhundert); in Bosra legten wir einen kleinen Rundgang ein (römisches Amphitheater), in Shahba wartete ein Museum auf uns (antikes Philippopolis; Mosaiken aus dem 4. Jahrhundert).

Dann war es auch schon Mittag,und im leeren Speisesaal eines Hotels erzählte William, wie er als Manager in Chicago ein neues umwälzendes Betriebskonzept erfand - "Arbeitskosten minus Zeit gleich Profit" -, einen ordentlichen Batzen Geld mit einem Buch dazu machte und bei einer seiner Lesetouren in den USA Jenny "Schnickel-Schnackel" aufgabelte. Alles in allem ein prächtiger Tag, und bis zum Irakkrieg und der islamischen Obsession in Amerika war es noch lange hin.

Die amerikanische Obsession der Syrer ist dagegen schon älter, und der Wunsch nach Normalisierung und Anerkennung heute so übermächtig, dass die 18 Millionen Menschen im Land das gestörte Verhältnis zu Washington wie einen Alpdruck erleben. Eingezwängt zwischen Israel im Süden und dem umkämpften Irak mit der langen Grenze im Osten, plagen sich die Syrer mit der neuen geopolitischen Lage.

"Die USA sind jetzt unser Nachbar und wollen das auch zeigen", heißt es fast schon entschuldigend, seit die Amerikaner Druck machten wegen strenger Kontrollen der syrisch-irakischen Grenze und des Abzugs syrischer Truppen aus dem Libanon. "Die Israelis sind unsere Feinde, aber wir sind auch Cousins", hört man von Geschäftsleuten, die glauben wollen, dass ein Friedensschluss mit Israel nur eine Frage der Zeit sei.

Die Porträts des jungen syrischen Präsidenten Bashar al-Assad in Büros und auf den Straßen verdrängen langsam die seines 2000 verstorbenen Vaters Hafez. Der hatte zwei Kriege gegen Israel verloren, einen Aufstand der Islamisten niedergeschlagen und die Idee eines panarabischen Sozialismus untergehen sehen. Die Zukunft gehört der Marktwirtschaft - dem "wirtschaftlichen Pluralismus", wie es offiziell heißt - und der Anbindung an die Europäische Union, versichern die Minister in Damaskus. Ein Detail angesichts von mehr als 1000 Jahren Orient in der syrischen Hauptstadt.

Im Suk von Damaskus, dem Epizentrum des organisierten Kauf- und Handelsrausches, schieben sich sechsmal die Woche, Jahr für Jahr Zehntausende durch die überdachten Straßen. Jedes Gesicht eine Geschichte, alle Regale, Tische, Kisten übervoll mit Kitsch und Kunst und nie Gesehenem, herangekarrt aus Asien und

allen Ecken des Landes. Radfahrer und Kleintransporter pflügen durch die Menge, beladen mit Stoffballen, Gebäck und Gewürzen. Reisende aus den Golfstaaten, die Frauen schwarz verschleiert vom Kopf bis zu den Füßen, sind beim Großeinkauf, Generationen von Damaszener Händlern sitzen in den Läden, schneidern Mützen und knüpfen Tücher, sechs Stunden für einen Meter, und der Staatssicherheitsdienst wacht. "Wir sind das dritt- oder viertsicherste Land der Welt", sagt Saadalla Agha al-Kalaa, der Tourismusminister.

Damaskus, mit rund 10.000 Jahren die älteste kontinuierlich besiedelte Stadt der Welt, ist eine ziemlich verwinkelte Angelegenheit und zugleich stramm gerade: Die Suk-Hamidiye-Street, das große Einfallstor in den Basar von Damaskus, führt direkt zur Omayyaden-Moschee, der historisch wichtigsten Moschee der Stadt, mit der die Islamisierung ihren Sieg markierte; die "Gerade Straße" wiederum - heute Suk-Madhat-Basha- und Bab Sharqui-Street, die Straße zum Osttor der Altstadt, war jene Straße, auf der Saulus eben zum Paulus wurde.

Blaue Neonkreuze stehen heute über der Ananias-Kapelle im Christenviertel nördlich von der "Geraden Straße". Grün sind dagegen die Neonringe um die Minarette. Steigt man abends auf die Anhöhen von Damaskus, muten die so markierten Moscheen an wie Ölplattformen in einem Lichtermeer.

Im Windschatten von Nahostkonflikt und US-geführtem "Antiterror-Feldzug" versucht Syrien heute ein beispielloses kulturelles Erbe zu bewahren: die großen antiken Stätten wie Bosra und Palmyra, die Ruinenstadt in Zentralsyrien, vor allem aber das Nebeneinander von christlicher und islamischer Religion. Eine gute Fahrtstunde weit von Damaskus am Anti-Libanon-Gebirge liegt Maalula, eines von drei Dörfern in der Gegend, in denen die Bewohner noch einen aramäischen Dialekt sprechen, wie ihn Mel Gibson in seinem Post-9/11-Glaubensfilm "Passion" nachspielen ließ. Schlecht für Hollywood. Wahrscheinlich gibt es nur wenige Orte auf der Welt, an denen die Filmstadt nichts sagender wirkt als in den kleinen Klöstern von Maalula. (Der Standard/rondo/14/1/2005)

Von Markus Bernath

Infos:

Österreichisches Verkehrsbüro und Syrian Arab Airlines bieten gemeinsam Trips nach Syrien an; Syrian fliegt zweimal wöchentlich nach Damaskus.
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    Teile des kulturellen Erbes

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