Die Heuchler

11. Februar 2005, 15:56
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Was kann das beispiellose globale Mitleid angesichts der Flutkatastrophe im Bewusstsein der Menschen bewirken? - von Paul Lendvai

Was kann das beispiellose, weil in unserer medial vernetzten Welt wahrhaft globale Mitleid angesichts der Flutkatastrophe im Bewusstsein der Menschen bewirken? Kurzfristig vor allem eine einzigartige Hilfsbereitschaft für die Opfer des Tsunami. Ob alle Versprechungen eingehalten werden, muss freilich dahingestellt bleiben, zumal bei früheren Naturkatastrophen im Iran oder in Zentralamerika nur ein Bruchteil der versprochenen Milliarden wirklich geflossen ist. Zyniker wiesen daraufhin, dass diese Großzügigkeit der Tatsache zuzuschreiben ist, dass so viele aus den "reichen" Ländern stammende Touristen und deren Familien von der Tragödie direkt oder indirekt betroffen sind und dass noch nie zuvor eine solch enorme digitale Bilderflut die unbezähmbare Naturgewalt und die menschliche Ohnmacht in den Minuten der Eruptionen weltweit gezeigt hat.

"Neues Verantwortungsgefühl für die Armen

Geht es aber auch tatsächlich um ein "neues Verantwortungsgefühl für die Armen", um "das Zusammenrücken der Welt", um eine "neue Chance für die Lösung globaler Konflikte"? Bei optimistischen Prognosen ist stets Vorsicht geboten. Einstweilen zeigen selbst in den am schwersten betroffenen Gebieten Sri Lankas und Indonesiens die Bürgerkriegsparteien keine Bereitschaft zur echten Versöhnung und behindern immer wieder die Verteilung der Hilfslieferungen. Der deutsche Asienexperte Eberhard Sandschneider glaubt nicht, dass das Flutdesaster zu einem grundsätzlichen Bewusstseinswandel führen wird: "Es ist zu befürchten, dass die Betroffenheit und die Spendenbereitschaft wieder verschwinden, sobald die nächste Katastrophe eintritt."

Warum blieb Tony Blair auf Urlaub in Ägypten?

Bei der medialen und politischen Bewertung des jeweiligen Krisenmanagements haben derzeit freilich die Heuchler mit ihren "tief schürfenden" Fragen Hochsaison: Warum blieb Tony Blair auf Urlaub in Ägypten? Warum gingen die EU-Kommissare in die Weihnachtsferien? Warum besuchte die schwedische Außenministerin noch am Abend des Stephanitags eine Theatervorstellung? Warum hat die neue österreichische Außenministerin Ursula Plassnik in den Augen mancher Beobachter "keine gute Figur" gemacht? - Weil es ihr nicht gelungen ist, "persönliche Betroffenheit zu vermitteln"? Zwar hat sie auch laut einer linken Kritikerin und der Mehrheit der befragten Österreicher das Krisenmanagement "durchaus im Griff", doch zugleich versagte sie angeblich auf der "symbolischen Ebene" der Politik. Schon Montaigne zählte (1580!) "die Verstellungskunst zu den vorzüglichsten Eigenschaften des Jahrhunderts". Ein solcher Betroffenheitsmeister ist zum Beispiel der deutsche Bundeskanzler, der sofort 500 Millionen Euro Hilfe verspricht, ohne zu sagen, wie das angesichts der deutschen Finanzkrise zu finanzieren ist. Sein Parteifreund in Österreich möchte indessen mit der Absage des Opernballes endlich positive Schlagzeilen produzieren. Wer erinnert sich noch an Helmut Schmidt, der die Krisensituation bei der Flugzeugentführung nach Mogadischu 1977, als es um Leben und Tod von 91 Geiseln ging, mit bewundernswerter Zurückhaltung meisterte?

Die Journalisten, die seinerzeit Bruno Kreisky als "Showmaster" anprangerten, und nun Wolfgang Schüssel zu große Verschlossenheit in der Krise vorwerfen, gehören ebenso zu den Heuchlern wie jene Redakteure, die auf dem Cover ihres Magazins drei im Wasser treibende Leichen zeigen und dann angesichts der allgemeinen Empörung ihrer Leser jeden "absatzfördernden Effekt" entrüstet von sich weisen.

Schon Montaigne wusste: "Wahrheit heutzutage besteht nicht in dem, was ist, sondern wovon man andere überredet." (Paul Lendvai, DER STANDARD Printausgabe 13.1.2005)

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